Heike Eickhoff

Igor Strawinsky: The Soldier’s Tale

Roger Waters (Sprecher), Bridgehampton Chamber Music Festival Orchestra

Rubrik: CD
Verlag/Label: Sony Classic 19075872732
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 66

Roger Waters, Mas­ter­mind der Pop­gruppe Pink Floyd, hat mit dieser Auf­nahme erneut einen Aus­flug in die Welt der soge­nan­nten ern­sten Musik unter­nom­men, nach­dem er bere­its vor Jahren eine klas­sis­che Oper mit Achtungser­folg kom­ponierte. Als Erzäh­ler bril­liert Waters hier vom ersten bis zum let­zten Wort. Musik­er des Bridge­hamp­ton Cham­ber Music Fes­ti­val zaubern die Instru­men­tal­stim­men sauber und aus­drucksvoll – kurz: eine sehr gelun­gene Ein­spielung, aufgenom­men in der Bridge­hamp­ton Pres­by­ter­ian Church.
Doch Waters wäre nicht Waters, wenn er sich mit ein­er sehr guten Ein­spielung und verblüf­fend inten­siv gele­se­nen Tex­ten zufrieden gäbe. Das Cov­er der CD zeigt ein junges Paar von hin­ten, allein im Kino sitzend, der junge Mann trägt eine Uni­form. Die Lein­wand zeigt den Titel der CD – doch links vorn öffnet sich klammheim­lich eine Tür. Im orange­far­be­nen Licht der Gang­beleuch­tung dahin­ter erscheint der Teufel im Jack­ett höch­st­per­sön­lich, erkennbar an den Hörn­ern. Die Sil­hou­ette des Teufels erin­nert stark an den amerikanis­chen Präsi­den­ten Trump, dessen Poli­tik Waters in sein­er kün­st­lerischen Arbeit und in vie­len poli­tis­chen State­ments stark und deftig kri­tisiert.
Roger Waters (Jahrgang 1943), dessen Vater und Groß­vater ihre Leben als Sol­dat­en in den Weltkriegen des ver­gan­genen Jahrhun­derts ver­loren, the­ma­tisiert diese trau­ma­tis­chen Ver­lus­ter­leb­nisse immer wieder. Waters liest die Texte mit klar­er Aussprache, zusät­zlich sind sie im Book­let kom­plett abge­druckt, sodass nicht fließend Englisch ver­ste­hende Zuhör­er sie zum besseren Ver­ständ­nis mitle­sen kön­nen. Der Sol­dat kommt mit nöligem südenglis­chen Akzent daher, ein biss­chen naiv und jung. Der Teufel hat gehörig viel schmieri­gen Charme abbekom­men und als Erzäh­ler wirkt Waters wie ein sehr wach­er, latent leicht amüsiert­er Chro­nist. Damit rei­ht sich Waters (der umtriebige und polar­isierende Großmeis­ter des Prog-Rock unter dem Label Pink Floyd, erfol­gre­ich mit Solo­pro­duk­tio­nen, immer noch inter­na­tion­al führend in den Pop­shows mit bril­lanter Showtech­nik und zugle­ich Tex­ter mit Sprachge­fühl, Witz und teils anrühren­dem Gefühl, aus­ges­tat­tet mit einem Händ­chen für volk­slied­haft sim­ple, fast zarte
Melo­di­en) in die Rei­he der großen Namen wie Peter Usti­nov ein, die L’histoire du sol­dat eben­falls ihre Stimme liehen.
Den Musik­ern gelingt jed­er Satz gut, ein jed­er beherrscht sein Instru­ment. Die hochkarätige Beset­zung (Stephen Williamson, Solok­lar­inet­tist des Chica­go Sym­pho­ny Orches­tra; Fagot­tist Peter Kolkay, Trompeter David Krauss und Posaunist Demi­an Austin vom MET Orches­tra; Geiger und Kom­pon­ist Col­in Jacob­sen; Bassist Don­ald Pal­ma und Schlagzeuger Ian David Rosen­baum) beste­ht aus pro­fil­ierten Solis­ten. Da sitzt jed­er Ton, da kann man es sich leis­ten, in die Musik hinein zu horchen und sie wirken zu lassen.
Diese fast anderthalb­stündi­ge Ein­spielung weist übri­gens wed­er Län­gen noch musikalis­che Schwächen auf und lädt zum Durch­hören ein.