Werke von Debussy, Janácek, Schulhoff und Szymanowski

Identity

Noé Inui (Violine), Mario Häring (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 189
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 71

Dem Kon­ti­nent der musikalis­chen Mod­erne näh­ern der Geiger Noé Inui und der Pianist Mario Häring sich auf dem Weg der Vio­lin­sonate. Sie verzicht­en dabei auf Erwart­bares (wie z. B. auf Werke von Prokof­jew oder Rav­el), möcht­en eine ganz bes­timmte Facette sicht­bar machen: Wie Kom­pon­is­ten zwis­chen spätro­man­tis­ch­er Tra­di­tion und Mod­erne nach gen­uinen Aus­druckspoten­zialen sucht­en.
Die Leichtigkeit, mit der Inui die an tech­nisch Ver­track­tem reichen Vio­lin­parts meis­tert, ist dabei nur die eine Seite dieser Auf­nahme: Min­destens gle­ich­w­er­tig daneben ste­ht die Kun­st klar geschnit­ten­er, dabei sinnlich­er und klan­glich un-gemein dif­feren­ziert­er Kon­turierung, die Inuis Spiel eben­so wie das seines Part­ners Häring ausze­ich­net. Nicht zu vergessen ist dabei der Anteil von Inuis Instru­ment, ein­er von Tom­ma­so Balestri­eri 1764 in Man­tua gebaut­en Geige, welch­er der Inter­pret einen feinen und sehr präsen­ten, vor allem in der Tiefe her­ben, in der Höhe bril­lanten Klang zu ent­lock­en weiß.
Welche Vielfalt beson­ders der gedeck­ten, ver­schleierten Klang­far-ben in Karol Szy­manowskis sor­diniert­er Noc­turne aus op. 28! Ger­ade an diesem Stück mit sein­er ori­en­tal­isieren­den Klan­glichkeit erweist sich auch die unprä­ten­tiöse Stil­sicher­heit bei­der Musik­er: Man trägt nicht zu dick auf, son­dern formt stets schlank, durch­sichtig und biegsam. Ein Zugriff, der wie geschaf­fen auch für die diskret-ele­gante Klang und Formkun­st von Debussys g-Moll-Sonate ist. Die erklingt hier in ihrer geheimnisvollen Knap­pheit unver­min­dert frisch, zugle­ich leb­haft und ver­hangen, würde­voll und elastisch.
Wie for­mge­wandt die bei­den Musik­er zu Werke gehen, zeigt auch die hier zu hörende Inter­pre­ta­tion der Geigen­sonate von Erwin Schul­hoff. Die erklingt in ein­er sehr lebendi­gen, dif­feren­zierten Dar­bi­etung, hätte aber dur­chaus etwas mehr Kan­ten, vielle­icht sog­ar etwas mehr Rup­pigkeit ver­tra­gen kön­nen. Im Ver­gle­ich scheint es, als ste­he bei­den Musik­ern ein spätro­man­tisch-rhap­sodis­ch­er Duk­tus näher, wie sie ihn in Szy­manowskis d-Moll-Sonate op. 9 ent­fal­ten. Die mag dazu ver­führen, in großem Aus­druck zu schwel­gen – und die emo­tionale Seite dieser Musik kommt hier auch keines­falls zu kurz –, indes beherrschen die bei­den Inter­pre­ten die Kun­st, auss­chla­gende Gefühlskur­ven als Momente eines über­greifend­en, nachger­ade erzäh­lerischen Ver­laufs aufz­u­fassen, welche diese Dar­bi­etung so pack­end macht.
Vielle­icht kein Zufall, dass Inui und Häring sich auch für Leoš Janáceks Sonate JW VII/7 entsch­ieden haben. Die scheint zwis­chen roman­tis­chem Aus­drucksstreben und dem eige­nar­tig knor­ri­gen Mod­erne-Idiom Janáceks hin- und herzu­pen­deln. Inui und Häring zeigen sich auch hier auf der Höhe ihrer Kun­st: allzeit neugierig auf klan­gliche Nuan­cen, inter­pre­ta­torisch hellwach und hochkul­tiviert.