Martin Pensa

Ich sehe alles in einem so neuen Lichte“

Gustav Mahlers Neunte Sinfonie

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Text + Kritik
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 66

Ein sehr per­sön­lich­es Buch über Gus­tav Mahler. Eines, dessen Inhalt zwar unter­sucht und beschrieben wer­den kann und sich auch plau­si­bil­isieren lässt, wobei „die let­zten Beweise für die Argu­men­ta­tion“ aber fehlen wür­den, so der Autor Mar­tin Pen­sa. Zum einen möchte er endgültig mit dem bis etwa 1920 ent­stande­nen und seit dem Zweit­en Weltkrieg gefes­tigten Klis­chee und Mythos brechen, Mahler hätte mit der Kom­po­si­tion sein­er Neun­ten seinen pro­gram­ma­tis­chen Abschied genom­men und hätte damit eine „Med­i­ta­tion über die Endlichkeit“ geschaf­fen. Zum anderen geht er der Frage nach, warum in der Lit­er­atur kaum Notiz von der Tat­sache genom­men wurde, dass es the­ma­tis­che Bezüge zur drit­ten Sin­fonie gibt, die anscheinend lediglich zwei Zeitgenossen Mahlers bemerkt haben wollten.
Überdies schlägt Pen­sa in der Überzeu­gung, die Neunte trüge ein Pro­gramm in sich, einen anderen Weg ein. Dies könne nur durch
„ein genaues Par­ti­tur-Studi­um sowie mith­il­fe der Kon­tex­tu­al­isierung zu frühen Werken von Mahler und anderen Kom­pon­is­ten entschlüs­selt wer­den“ (S. 14), wom­it der Autor – wie er selb­st weiß – vor sehr schwierig zu lösenden Auf­gaben ana­lytis­ch­er und hermeneutis­ch­er Art ste­ht, und wobei auch lit­er­arische und philosophis­che Fra­gen à la Arthur Schopen­hauer und Friedrich Niet­zsche ein­be­zo­gen wer­den. Allein schon die lange Ein­leitung zu dieser mit ein­er Vielzahl von Zitat­en aus Primär- und Sekundär­lit­er­atur genährten wie kom­plex gewor­de­nen The­matik verdeut­licht dies.
Aus­ge­hend von den biografisch lei­d­vollen Geschehnis­sen seit dem Jahr 1907 und der „geisti­gen Ver­fas­sung in Toblach“ zwei Jahre darauf, die unmit­tel­bar zur Nieder­schrift der Sin­fonie führte, nimmt die Unter­suchung ihren Lauf. Im zweit­en Kapi­tel betra­chtet der Autor zunächst detail­ge­nau Melodik und Har­monik auch mit tiefem Blick auf Niet­zsches Text „O Men­sch! Gib Acht!“ Dabei kommt Pen­sa als Zwis­chen­bi­lanz bald zum Schluss, dass es nahe­liegend sei, den „ersten Satz der Neun­ten als Para­phrasierung des vierten Satzes der drit­ten Sin­fonie aufz­u­fassen“ (S. 72). Später kon­sta­tiert er als weit­eres Zwis­chen­faz­it in bemerkenswert­er Weise sog­ar inter­textuelle Zusam-men­hänge des vierten Satzes zur zweit­en Sin­fonie und zum Par­si­fal von Richard Wag­n­er (S. 114). Und nicht zulet­zt erken­nt der Autor in den Bin­nen­sätzen, in denen das
„the­ma­tisch-motivis­che Geflecht“ sehr dicht sei, deut­lichere Zusam­men­hänge „zwis­chen den vier Sätzen, als es zunächst den Anschein macht“ (S. 129) und zählt zu Beginn des drit­ten Kapi­tels mehrere Werke Mahlers und min­destens acht ande-rer Kom­pon­is­ten auf, die direkt oder indi­rekt in Verbindung zu Mahlers Neunter ste­hen (S. 133).
Im let­zten Abschnitt erörtert der Autor seine Ein­sicht­en und kommt zu dem Schluss, durch die ganze Sin­fonie sei ein dicht­es Netz an Motivbeziehun­gen auszu­machen, „welch­es für den inneren Zusam­men­hang der Kom­po­si­tion ver­ant­wortlich und darüber hin­aus anschlussfähig für inter­textuelle Beziehun­gen ist“. Vier Anhänge und ein Per­so­n­en­reg­is­ter run­den das anspruchsvoll zu lesende Buch ab.
Wern­er Bodendorff