Königsdorf, Jörg / Curt A. Roesler

Hundert Jahre Deutsche Oper Berlin

Geschichte und Geschichten aus der Bismarckstraße

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Braus, Berlin 2012
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 78

Ob man denn inzwis­chen her­aus­ge­fun­den habe, was damit gemeint sei, witzelt Christa Lud­wig, Opern­di­va im Ruh­e­s­tand, mit ern­stem Gesicht und iro­nis­chem Unter­ton über die 20 Meter hohe abstrak­te Stahlplas­tik von Hans Uhlmann vor der Deutschen Oper Berlin. Bis heute ist die rät­sel­hafte Fig­ur Anlass für meist naserümpfende Kom­mentare über mod­erne Kun­st und von den Berlin­ern nicht weniger has­s­geliebt als die berühmt-berüchtigte Wasch­be­ton­fas­sade, vor der sie ste­ht. Fritz Borne­mann hat diese für seinen 1961 eingewei­ht­en Opern­neubau radikal ent­wor­fen, um Kun­st und Pub­likum vom tosenden Verkehr der viel­spuri­gen Bis­mar­ck­straße wie hin­ter ein­er Schallschutzwand abzuriegeln. Eine „Oase“ ist das Haus denn auch für die einen, ein „Beton­klotz“ für die anderen.
Diet­mar Schwarz, der von sein­er Posi­tion als Operndi­rek­tor am The­ater Basel auf Anhieb höchst erfol­gre­ich in seine erste Berlin­er Spielzeit ges­tartete neue Inten­dant der Deutschen Oper Berlin, hat das kon­tro­verse Empfind­en gegenüber dem Borne­mann-Bau in der ersten Plakat- und PR-Kam­pagne sein­er Amt­szeit denn auch eben­so offen­siv wie clever aufge­grif­f­en und intel­li­gent fort­ge­spon­nen. Zwis­chen dis­parat­en Posi­tio­nen soll der Betra­chter seine eigene find­en, dazu fordern ihn auch die Ankündi­gungsplakate der Pre­mieren auf: „Tor“ oder „Erlös­er“ hieß es etwa auf den Plakat­en zur Par­si­fal-Neuin­sze­nierung.
Gle­ich in die Anfangszeit der Ära des neuen Inten­dan­ten fiel das am 7. Novem­ber 2012 began­gene 100-Jahr-Jubiläum der Deutschen Oper Berlin. Anlass genug zur Pro­duk­tion des bere­its erwäh­n­ten, nicht nur wegen des let­zten, kurz vor dessen Tod geführten Film-Inter­views mit Diet­rich Fis­ch­er-Dieskau sehenswerten Films Ouvertüre 1912 von Enrique Sánchez Lan­sch, dem Ko-Regis­seur von Thomas Grube beim vielfach preis­gekrön­ten Doku­men­tarfilm Rhythm is it! über ein Tanzpro­jekt der Berlin­er Phil­har­moniker. Medi­al kom­plet­tiert wur­den die Feier­lichkeit­en mit ein­er bei Arthaus Musik erschiene­nen DVD-Box mit fünf ton- wie bildtech­nisch über­raschend frischen Opern-Fernseh-Aufze­ich­nun­gen aus den Neube­gin­n­jahren 1961 bis 1967 (Don Gio­van­ni von 1961, Otel­lo von 1962, Fide­lio von 1963, Don Car­los von 1965, Die heim­liche Ehe von 1967) sowie einem Bild­band mit dem Titel Hun­dert Jahre Deutsche Oper Berlin. Auf fast 290 Seit­en im Quer­for­mat haben die Her­aus­ge­ber Curt A. Roesler, seit 1980 Dra­maturg am Haus, Leo Sei­del, Berlin­er Fotograf, und Jörg Königs­dorf, seit 2012 Chef­dra­maturg der Deutschen Oper, in bewun­dern­swert­er Detail- und Recherc­hear­beit ein gle­icher­maßen höchst infor­ma­tives wie unter­hal­tendes Kom­pendi­um über das große West-Berlin­er Opern­haus erstellt, dessen Geschichte und Geschicht­en in zahlre­ichen Inter­views, darunter z.B. mit Don­ald Run­ni­cles, Hans Neuen­fels, Julia Varady, Wal­ter Hagen-Groll oder Elfi Wend­landt, Tochter des in den 1910er Jahren zum Ensem­ble gehören­den Sängers Har­ry Steier und älteste Zeitzeu­g­in der dama­li­gen Städtis­chen Oper Berlin, ein­drucksvoll Gestalt annehmen.
Ulrich Ruhnke