Werke von Franz Schubert, Robert Schumann und Reza Vali

Home

Kian Soltani (Violoncello), Aaron Pilsan (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 479 8100
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 75

Für den Begriff „Heimat“ dürfte es unge­fähr so viele Def­i­n­i­tio­nen geben, wie es Men­schen gibt. Auch wür­den wohl die wenig­sten ihr Heimat­ge­fühl auss­chließlich an einem bes­timmten Ort fest­machen – eher Nicht-Gegen­ständlich­es scheint hier bedeut­sam zu sein.
Der 1992 in Bre­genz geborene Cel­list Kian Soltani fühlt sich ein­er­seits in der Musik bes­timmter Kom­ponisten zu Hause, ander­er­seits aber auch im Herkun­ft­s­land sein­er Eltern, dem Iran. Und so kom­biniert er auf sein­er Debüt-CD, die er mit Home über­schreibt, Werke von Franz Schu­bert und Robert Schu­mann mit den Per­sis­chen Volk­sliedern von Reza Vali sowie einem selb­st kom­ponierten Per­sis­chen Feuer­tanz.
Soltani kam schon als Zwölfjähriger in die Klasse von Ivan Monighet­ti an der Musik-Akademie Basel, wo er elf Jahre lang durch den let­zten Ros­tropow­itsch-Schüler unter­richtet wurde. 2014 erhielt er ein Stipendi­um der Anne-Sophie
Mut­ter Stiftung. Er ist nicht nur als Konz­ert­solist und Kam­mer­musik­er tätig, son­dern spielt auch regelmäßig als Solo­cel­list im West-East­ern Divan Orches­tra.
Dass er auf seinem ersten Album so ver­schiedenar­tige Werke zusam­men­führt, bringt – abge­se­hen von der konzep­tionellen Stim­migkeit – einen großen Vorteil mit sich: Soltani kann dadurch sein bre­ites Spek­trum an Aus­drucksmöglichkeit­en demon­stri­eren. Franz Schu­berts Arpeg­gione-Sonate in a-Moll D 821 präsen­tiert er so fed­er­le­icht, dass sie zu schweben scheint. Selb­st das sehr melan­cholis­che Ada­gio gerät ihm nicht zu schw­er, son­dern erin­nert in sein­er Zartheit und Ele­ganz eher an eine schöne, trau­rige Elfe. Bei Nacht und Träume D 827 arbeit­et er genau die „emo­tionale Tiefe“ her­aus, durch die sich die Kom­po­si­tion laut Book­let für ihn ausze­ich­net.
Eben­so ein­fühlsam inter­pretiert er drei Werke seines anderen Lieblingskom­pon­is­ten: die 3 Fan­tasi­estücke op. 73, Ada­gio und Alle­gro in As-Dur op. 70 und Du bist wie eine Blume (die Nr. 24 aus den Myrthen op. 25) von Robert Schu­mann.
Bei den sieben Per­sis­chen Volks­liedern, die Soltani bei dem Kom­pon­is­ten Reza Vali in Auf­trag gegeben hat, han­delt es sich um eine Wel­ter­stein­spielung. Die Stücke basieren auf der per­sis­chen Volksmusik, wobei in ihnen Volk­slieder teils direkt zitiert, teils nachemp­fun­den wer­den. Soltani musiziert sie mit sehr ein­dringlichem Ton, je nach Charak­ter des Stücks kla­gend oder ra­sant und wild. Der Per­sis­che Feuer­tanz, den es, wie Soltani geste­ht, in Wahrheit gar nicht gibt, klingt wie eine Mis­chung aus Charak­ter­stück und „Sound-Exper­i­ment“. Aus einem ruhi­gen, aber span­nungs­ge­lade­nen Beginn entwick­elt sich ein motorisch­er Rhyth­mus, der sich bis in eine rauschhafte Ekstase steigert. Neben „flir­rend heißen“ Fla­geo­letts erzeugt Soltani auf dem „London“-Stradivarius-Cello von 1694 – eine Lei­h­gabe der Beare’s Vio­lin Soci­ety – auch perkus­sive Effek­te.
Schade, dass das Book­let keine Infor­ma­tio­nen zu dem Pianis­ten Aaron Pil­san enthält. Er befind­et sich in so selb­stver­ständlichem Ein­klang mit dem Cel­lis­ten, dass er eigentlich umso mehr Aufmerk­samkeit ver­di­ent hätte.
Julia Har­tel