Jung, Carsten

Historische Theater

in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2010
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 58

Ob das Münch­n­er Cuvil­liés-The­ater, das Mark­gräfliche Opern­haus in Bayreuth oder das Pots­damer Schlossthe­ater: Diese Häuser sind bekan­nte Schmuckschat­ullen. Aber wer ken­nt schon das Pas­sauer Fürst­bis­chöfliche Opern­haus, das Hanau-Wil­helms­bad­er Comoe­di­en­haus oder das The­ater in Put­bus? Carsten Jung, Gen­er­alsekretär der Gesellschaft für His­torische The­ater, porträtiert die vielfältige Land­schaft der his­torischen The­ater des Barock, des Bie­der­meier, des Klas­sizis­mus wie des Art déco auf nur 160 Seit­en beispiel­haft als Kun­st- und Gesellschafts­geschichte Europas.
Er begin­nt seinen Streifzug mit dem Schulthe­ater der Jesuit­en, in dem die Schüler lateinis­che Stücke auf­führten. Fast alle diese Klosterthe­ater sind im Zuge der Säku­lar­isierung ver­schwun­den. Eines der bei­den let­zten erhal­te­nen ste­ht im schwäbis­chen Kloster Otto­beuren. Der barocke Saal, in dem 1725 die erste Auf­führung stat­tfand, ist der älteste erhal­tene his­torische The­ater­saal dieser Art. 29 weit­ere hat Carsten jung einzeln aus­führlich beleuchtet. Darüber hin­aus lis­tet er in ein­er Tabelle 250 The­ater in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz auf und ver­gle­icht deren ursprünglichen mit dem heuti­gen Zus­tand. Man bekommt so einen repräsen­ta­tiv­en Überblick über das, was es an his­torischen The­ater­baut­en in den drei genan­nten Län­dern gibt.
Viele architek­tonis­che Kost­barkeit­en und atmo­sphärisch unver­gle­ich­liche The­ater­räume stellt das Buch von Carsten Jung vor. Trotz aller Kriege und son­sti­gen Katas­tro­phen der ver­gan­genen drei Jahrhun­derte haben sich erstaunlich viele his­torische The­ater­baut­en erhal­ten. Aber nur zwei deutsche besitzen noch eine orig­i­nale Büh­nen­tech­nik aus dem 18. Jahrhun­dert, die in Gotha und in Lud­wigs­burg. In allen übri­gen find­et man Rekon­struk­tio­nen oder ganz mod­erne Kon­struk­tio­nen. Warum sich Carsten Jungs Buch auf die drei Län­der Deutsch­land, Öster­re­ich und Schweiz beschränkt, hat seinen ein­fachen Grund darin, dass die gesamte europäis­che The­ater­vielfalt den engen Rah­men eines 160-seit­i­gen Kun­st­führers spren­gen würde. Immer­hin wagt Jung in einem Kapi­tel über die Architek­ten Fell­ner & Hellmer, die um 1900 in halb Europa ihre The­ater gebaut haben, einen Blick über den Teller­rand.
Es ist ein Vergnü­gen, in diesem schö­nen Buch zu blät­tern, denn her­vor­ra­gende Fotografien zeigen die Erbauer und ihre The­ater in prächti­gen Innen- wie Auße­nauf­nah­men. Dezi­dierte, kluge Texte informieren über Entste­hungs­geschichte, Zweck und Zus­tand der Häuser, Restau­rierung­sprob­leme und Instand­set­zungs­maß­nah­men. Genaue Angaben von Adressen, Öff­nungszeit­en und Inter­net-Seit­en machen den prak­tis­chen Nutzw­ert dieses Buch­es aus, das allen The­ater­fre­un­den nur emp­fohlen wer­den kann.
Dieter David Scholz