Lucke-Kaminiarz, Irina

Hermann Abendroth

Ein Musiker im Wechselspiel der Zeitgeschichte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Weimarer Taschenbuch Verlag, Weimar 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 58

Zu Her­mann Aben­droths durch Stetigkeit, große Lin­ie und Solid­ität charak­ter­isiert­er Musizier­weise ste­ht die drama­tis­che Leben­skurve in grotesker Weise quer. Ein fast raketen­hafter Auf­stieg über Essen und Lübeck bringt den 32-Jähri­gen 1915 an die Spitze des Gürzenich-Orch­esters, nach Nikischs Tod ste­ht er in Berlin und Leipzig mit Furtwän­gler in eng­ster Wahl, wird 1934 von den Nazis aus Köln ver­jagt und den­noch wenig später Gewand­hauskapellmeis­ter, unter­stützt durch Bürg­er­meis­ter Goerdel­er. Dass er in Leipzig dem ver­jagten Bruno Wal­ter nach­fol­gt, wird ihm später verü­belt; das fällt nicht schw­er, weil er, um seine „nichtarische“ Frau und das Orch­ester zu schützen, pein­liche ver­bale Zugeständ­nisse macht. 1945 als reg­i­me­nah verdächtig muss er Leipzig ver­lassen und find­et in Weimar eine neue Wirkungsstätte, der er, neben weit­eren Engage­ments in Leipzig und Berlin, bis zu seinem Tode treu bleibt. Nun allerd­ings wird er im West­en als „Staatskün­stler“ der DDR gebrand­markt (ein Fre­und aus Köl­ner Zeit­en, Kon­rad Ade­nauer, hat daran trau­ri­gen Anteil), offiziell geschnit­ten und fast vergessen. Einen Diri­gen­ten, der u.a. fast 20 Jahre das Köl­ner Musik­leben geprägt hat, oft bei den Berlin­er Phil­har­monikern und auch in Bayreuth zu Gast war, ver­wech­seln mehrere ambi­tion­ierte Pub­lika­tio­nen mit dem Musikschrift­steller Walther Aben­droth.
Der seit etwa zehn Jahren zunehmende medi­ale Nachruhm geht von Frankre­ich aus; in Leipzig hat man es beim 50. Todestag im Jahr 2006 bei ein­er Verunglimp­fung des „Nazis“ belassen – wie leicht richt­en wir Leute, deren genauere Leben­sum­stände wir nicht ken­nen! Ohne von der Prob­lematik dis­pen­siert zu sein, sind wir wed­er zu Schuld- noch zu Freis­prüchen befugt. Nicht anders als Furtwän­gler und andere meinte Aben­droth, ent­ge­gen jeglichen Ver­dachts auf Kom­plizen­schaft mit den Herrschen­den, durch einen apoli­tisch-ide­al­is­tis­chen Begriff von Kun­st legit­imiert und verpflichtet das „richtige Leben im falschen“ führen zu kön­nen.
Weil die ein­schlägige Diskus­sion kaum zu been­den ist, Fak­ten und Argu­mente sich hier kaum tren­nen lassen, erscheint die Sicherung der Mate­ri­al­grund­lage beson­ders wichtig. Das hat die Autorin im Anschluss an eine Ausstel­lung im Nation­althe­ater Weimar mustergültig besorgt und der Ver­lag hat sie, was Sorgfalt und Opu­lenz – mit vie­len Illus­tra­tio­nen – ange­ht, vor­bildlich unter­stützt. Diese Doku­men­ta­tion wählt nicht aus, argu­men­tiert nicht, sie verdeut­licht im wider­sprüch­lichen Nebeneinan­der der Zeug­nisse, was es für einen Musik­er mit weitre­ichen­den Ver­ant­wor­tun­gen hieß, mit dem zurechtzukom­men, was der Unter­ti­tel „Wech­sel­spiel“ nen­nt. Darüber hin­aus gewin­nt das Bild ein­er starken, ihrer selb­st sicheren Per­sön­lichkeit Kon­tur, deren auch im Musizieren erkennbare Ger­adlin­igkeit genauestens abge­wogen wer­den sollte gegen manch­es, was uns befremdet. Ins­ge­samt ein längst fäl­liger, über­aus gelun­gener Beitrag zur Erin­nerung an einen großen Diri­gen­ten.
Peter Gülke