Werke von Edison Denisov, Claude Debussy, Dimitrij Schostakowitsch und anderen

Heritage

Fedor Rudin (Violine), Boris Kus- nezow (Klavier)

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Orchid Classics
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 79

Her­itage ist eine Hom­mage an den rus­sis­chen Kom­pon­is­ten Edi­son Denisov (1929–1996), zusam­mengestellt und gespielt von dem 1992 in Moskau als Enkel Denisovs gebore­nen franzö­sisch-rus­sis­chen Geiger Fedor Rudin. Der 2019 in Paris mit dem Ivry-Gitlis-Preis aus­geze­ich­nete, bei Zakhar Bron und Pierre Amoy­al aus­ge­bildete Musik­er wird am Klavier unter­stützt von dem 1985 eben­falls in Moskau gebore­nen Boris Kus­ne­zow, einem Schüler von Bernd Goetzke.
Edi­son Denisov, 1929 in Sibirien geboren, Math­e­matik­er und Kom­pon­ist, wurde zwar Dozent für Instru­men­ta­tion und Par­ti­turkunde am Moskauer Kon­ser­va­to­ri­um, erhielt aber im Sow­jet­sys­tem wegen sein­er avant­gardis­tis­chen Aus­rich­tung niemals eine Kom­po­si­tion­spro­fes­sur. Ähn­lich wie seine Mitstreiter:innen Alfred Schnit­tke und Sofia Gubaiduli­na wählte er in späten Jahren den Weg ins wes­teu­ropäis­che Exil, in seinem Falle nach Paris.
Drei Orig­i­nal­w­erke für Vio­line und Klavier von Denisov sind auf der CD vertreten: an erster Stelle die dreisätzige atonale Sonate von 1963, die, ähn­lich wie die 1970 ent­standene Sax­o­fon­sonate, zu seinen wichti­gen Kam­mer­musik­w­erken gerech­net wer­den kann. Ein Kopf­satz mit schrof­fem akko­rdis­chen Gegeneinan­der bei­der Instru­mente, ein Largo, das Vere­in­samungs­gesten bis hin zur Unhör­barkeit aus­lotet, ein Finale mit eng­maschig kanon­isch ein­set­zen­den Rep­e­ti­tion­s­mo­tiv­en als kom­plex­er rhyth­mis­ch­er Her­aus­forderung – Auf­gaben, denen sich das Duo Rudin/Kusnezow mit großem Ernst und sou­verän­er Genauigkeit widmet.
Erstaunlich kon­ven­tionell und tonal wirken demge­genüber Denisovs hier wohl erst­mals einge­spiel­ten drei Konz­ert­stücke von 1958 und die apho­ris­tis­che Sonatine von 1972. Eine Reper­toire-Neuheit ist auch Rudins Bear­beitung von Prélude und Duo-Szene aus Rodrigue et Chimène, ein­er unvol­len­de­ten Oper von Claude Debussy, die Denisov 1993 orches­tral ergänzt hat­te. Hier­bei kommt inter­pre­ta­torisch lei­der rel­a­tiv wenig franzö­sis­ches Flair rüber, was haupt­säch­lich dem recht sta­tisch bear­beit­eten, aber auch gespiel­ten Klavier­satz zuzurech­nen ist.
Mit einem unvol­len­de­ten Sonaten­satz von Dim­itrij Schostakow­itsch aus dem Jahre 1945 und der f‑Moll-Sonate von Sergei Prokof­jew von 1946 wird die CD um zwei Kom­pon­is­ten ergänzt, deren Schaf­fen Denisov in seinen späten Jahren äußerst kri­tisch sah. Bei Prokof­jew über­rascht dort, wo im ersten und im let­zten Satz der „Wind über den Gräbern“ wehen müsste – mit con sor­di­no zu spie­len­den blitzschnellen Vio­lin­fig­uren zu sta­tisch-abweisender Klavier­akko­rdik – ein selb­st­sicher­er, fast trös­ten­der Ges­tus, der Prokof­jews Inten­tion völ­liger Ver­loren­heit nicht entsprechen dürfte.
Die Auf­nah­me­tech­nik stellt in unerfind­lich­er Ein­seit­igkeit den Klavierk­lang per­ma­nent zuun­gun­sten des vio­lin­is­tis­chen Geschehens in den Vorder­grund – eine bedauer­liche Ein­schränkung bei ein­er Veröf­fentlichung mit vie­len wertvollen Repertoire-Neuheiten.
Rain­er Klaas