Henri Marteau

Violinkonzert C-Dur op. 18/Serenade op. 20

Nicolas Koeckert (Violine), Deutsche Radio Philharmonie, Ltg. Raoul Grüneis

Rubrik: CD
Verlag/Label: Solo Musica SM 299
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 65

Hen­ri Marteau, 1874 in Reims als Sohn eines franzö­sis­chen Vaters und ein­er deutschen Mut­ter geboren und 1934 in Licht­en­berg (Ober­franken) ver­stor­ben, wird vor allem als ein­er der bedeu­tend­sten Geiger zur Wende ins 20. Jahrhun­dert erin­nert: Er wurde etwa als Nach­fol­ger Joseph Joachims 1908 an die Berlin­er Musikhochschule berufen (damals die vielle­icht renom­mierteste Geigen­pro­fes­sur in Deutsch­land) und hat im sel­ben Jahr Regers allzu sehr ver­nach­läs­sigtes, ger­adezu form­spren­gen­des Vio­linkonz­ert uraufge­führt. Und obwohl er als gebür­tiger Fran­zose 1915 im Ersten Weltkrieg als „feindlich­er Aus­län­der“ seine Berlin­er Pro­fes­sur ver­lor und in Licht­en­berg (Ober­franken), wo er 1913 eine stat­tliche Vil­la bezo­gen hat­te, Hausar­rest erhielt, behielt er auch nach dem Krieg diesen Wohn­sitz bei, nahm jedoch die schwedis­che Staats­bürg­er­schaft an und unter­richtete in Prag, Leipzig und Dres­den.
Als Kom­pon­ist – er war Schüler von Théodore Dubois in Paris, bei dem etwa auch Dukas, Mag­nard oder Ropartz studierten – ist er freilich nicht recht bekan­nt gewor­den, obwohl er an die 45 Werke kom­ponierte. So hat sich etwa auch sein hier sehr niveau­voll einge­spieltes, unverkennbar von Max Bruch (etwa Schot­tis­che Fan­tasie) bee­in­flusstes Vio­linkonz­ert (er selb­st führte es 1919 in Göte­borg erst­mals auf) nur als Klavier­auszug erhal­ten.
Raoul Grüneis hat es nicht nur vorzüglich neu instru­men­tiert, son­dern auch die vor­liegende Ein­spielung als Diri­gent betreut. Marteau gab dem dreisätzi­gen Werk die Reger’schen Dimen­sio­nen: Der 1. Satz etwa dauert länger als das gesamte 1. Vio­linkonz­ert von Prokof­jew.
Nico­las Koeck­ert spielt mit uner­schöpflich­er Energie den ver­track­ten, knif­fli­gen, aber stets gut liegen­den und trotz der Länge des Werks keines­falls über­fordern­den Solopart mit gle­ich­sam sou­verän-ver­hal­tener Bril­lanz, die in jedem Moment sich auf den reich aus­gestal­teten Orch­ester­part bezieht oder sich von ihm tra­gen lässt. Und da die Deutsche Radio Phil­har­monie diesen Part sehr engagiert und musikalisch dif­feren­ziert ver­lebendigt, liegt eine Ein­spielung vor, die Marteau nun endlich auch als Kom­pon­ist bre­it­ere Aufmerk­samkeit ver­schaf­fen sollte: Das Ada­gio „In Memo­ri­am“ im Zen­trum des Werks reicht mit seinem ver­hal­ten-melan­cholis­chen Ton­fall ohne Sen­ti­men­tal­ität dur­chaus an den Brahms’schen Lyris­mus her­an.
Die klangvolle, unge­fähr zeit­gle­ich mit dem Vio­linkonz­ert ent­standene Ser­e­nade op. 20 wiederum rückt die Bläs­er des Orch­esters ins beste Licht: Das ist eine vergnügliche, beschwingt-präg­nant musizierte Kom­po­si­tion, die gle­ich­sam „deutsche“ satztech­nis­che Gediegen­heit mit „franzö­sis­chem“ Spiel­witz und Ele­ganz verbindet. Man mag stilis­tisch von ein­er Antizipa­tion des Neok­las­sizis­mus sprechen, doch hält Marteau die Musik von ver­frem­den­den oder par­o­dis­tis­chen Zügen gän­zlich frei. Die Musik ver­mit­telt vielmehr zwis­chen Musikkul­turen, die oft gegeneinan­der aus­ge­spielt wer­den, in Wirk­lichkeit aber kom­ple­men­tär aufeinan­der bezo­gen wer­den kön­nen.

Gisel­her Schu­bert