Haydn – An Imaginary Orchestral Journey

London Symphony Orchestra, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: LSO Live
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 64

Jed­er Diri­gent hat seine Favoriten unter den Kom­pon­is­ten. Diese Vor­lieben schla­gen sich in der Pro­gram­mgestal­tung und in der Medi­en­tätigkeit nieder. Simon Rat­tle, der schei­dende Chefdiri­gent der Berlin­er Phil­har­moniker, hat in den Jahren dieser Part­ner­schaft seine Nei­gung zu Joseph Haydns Orch­ester­musik nach­haltig gepflegt, und er hat sie in seine neue Posi­tion in Lon­don mitgenom­men.
Jüng­stes Doku­ment von Rat­tles Haydn-Auseinan­der­set­zung ist eine CD, die auf den ersten Blick eher Rat­losigkeit erzeugt. Spon­tan kön­nte man fra­gen: Wer braucht denn das? Es han­delt sich um einen orches­tralen Quer­schnitt durch Haydns Orch­ester­w­erke, im Sinne von „Best oft Haydn“. Es rei­hen sich ins­ge­samt dreizehn Einzel­sätze zu einem sym­phonis­chen Zyk­lus aneinan­der, ent­nom­men aus frühen und späten Sym­phonien, aber auch aus den bei­den Ora­to­rien Schöp­fung und Jahreszeit­en, ergänzt durch Pas­sagen aus ein­er Oper (L’isola dishabi­ta­ta) und aus dem Zyk­lus Die sieben let­zten Worte, effek­tvoll kon­tra­punk­tiert durch Stücke für eine Flötenuhr.
Anfängliche Zweifel am Sinn dieses Unternehmens leg­en sich nach ersten Anhören zumin­d­est par­tiell, aus zwei Grün­den. Zum einen löst Rat­tles Auswahl tat­säch­lich wachgerufene Erwartun­gen ein, denn es han­delt sich durch­weg um bemerkenswert orig­inelle, oft ger­adezu exem­plar­ische Beispiele des Haydn’schen Orch­esterkos­mos, im Hin­blick auf ihre struk­turelle, har­monis­che, melodis­che oder auch instru­men­ta­torische Orig­i­nal­ität. Allerd­ings muss man fair­erweise sogle­ich hinzufü­gen, dass Orig­i­nal­ität ohne­hin eines der wesentlichen Kennze­ichen Haydns ist – man kön­nte in der Tat ohne Mühe noch etliche andere Zyklen dieser Art aus Haydns Werk zusam­men­stellen.
Zusät­zlich gewin­nt die vorgelegte Kom­pi­la­tion ihren Wert durch die inter­pre­ta­torische Aus­führung. Unter Rat­tles Leitung pro­fil­iert sich das Lon­don­er Orch­ester als inter­na­tionales Spitzenensem­ble von großer klan­glich­er Aus­geglichen­heit und bemerkenswert­er stilis­tis­ch­er Wendigkeit, unter­stützt durch eine exzel­lente Auf­nah­me­tech­nik. Wesentliche Erken­nt­nisse der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is wer­den umge­set­zt, ohne dass sie sich in den Vorder­grund drän­gen. Rat­tles Erfahrung im Umgang mit dieser Musizier­prax­is und seine sub­tile Ken­nt­nis der Haydn’schen Musik sor­gen für Sou­veränität und Sicher­heit wie für spür­bare Musizier­freude. Es han­delt sich hier um einen Zusam­men­schnitt aus zwei Konz­erten, wobei man sich den (über­flüs­si­gen) Gag eines durch Haydn provozierten zu frühen Schluss­beifalls (einge­blendet im Finale der Sym­phonie Nr. 90) nicht verkneifen kon­nte; das Bei­heft kön­nte infor­ma­tiv­er sein.
Vielle­icht ist dieser musikalis­che Quer­schnitt tat­säch­lich dazu geeignet, den nach wie vor unter­schätzten Joseph Haydn Nicht-Ken­nern näher zu brin­gen. Auf jeden Fall soll­ten wir die Bemühun­gen eines so promi­nen­ten Diri­gen­ten um einen der größten Meis­ter der Musikgeschichte würdi­gen – erstaunlich wenige sein­er promi­nen­ten Kol­le­gen teilen lei­der dieses Inter­esse.
Arnold Wern­er-Jensen