Hans Zender

Dialog mit Haydn/Issei no kyo¯/Nanzen no kyo¯

Hermann Kretzschmar/Ueli Wiget (Klavier), Claron McFadden (Sopran), WDR Rundfunkchor Köln, Bundesjugendorchester, WDR Sinfonieorchester Köln, Ltg. Hans Zender/ Johannes Kalitzke

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 68

Hans Zen­der (*1936) ist als Diri­gent und Kom­pon­ist gle­icher­maßen anerkan­nt. In seinen Kom­po­si­tio­nen spiegelt sich eine inten­sive Auseinan­der­set­zung mit östlich­er und europäis­ch­er Philoso­phie wider. Dies führt ihn zu einem Denken, in welchem ver­meintlich unvere­in­bare Gegen­satz­paare miteinan­der kor­re­spondieren. Diese „gegen­stre­bi­gen Fügun­gen“ find­en sich auf unter­schiedlichen Ebe­nen in seinen Werken: in ver­schieden konzip­ierten Zeitabläufen und in der Auseinan­der­set­zung und Kon­fronta­tion von Musikgeschichtlichem und Avant­gardis­tis­chem.
Let­zteres ist unmit­tel­bar zu hören im Dia­log mit Haydn für zwei Klaviere und drei Orch­ester­grup­pen, 1993 im Leipziger Gewand­haus aufgenom­men mit dem Bun­desju­gen­dorch­ester unter Leitung des Kom­pon­is­ten. Die bei­den leicht prä­pari­erten Flügel sind mit ein­er Dif­ferenz von 22 Cent ges­timmt, wodurch mikroin­t­er­val­lis­che Schwe­bun­gen entste­hen. Zudem dämpfen die bei­den Pianis­ten Her­mann Kret­zschmar und Ueli Wiget manch­mal die Sait­en ab, was zu einem xylo­fonähn­lichen Klang führt. Die drei Orch­ester­grup­pen steuern eine Vielzahl von zeit­genös­sisch ver­fremde­ten Klän­gen bei. Die Kon­fronta­tion und Fil­terung der Haydn’schen Orig­i­nalk­länge, z.B. der auf­strebende Dreik­lang aus seinem berühmten Andante, ver­läuft mit ein­er gehöri­gen Por­tion Humor, der sich bis zum Grotesken steigert, wenn gegen Ende der Haydn’sche Pauken­schlag zum infer­nalis­chen Trom­mel-Clus­ter­wirbel wird.
Im zweit­en Werk Issei no kyo (Lied von einem Ton) für Sopran und Orch­ester, aufgenom­men 2010 in der Köl­ner Phil­har­monie, bril­liert die Sopranistin Claron McFad­den. Die vier Lieder knüpfen in Gestik und Klang­far­ben­re­ich­tum an Schön­bergs Orch­ester­lieder an. Sie gehen auf Texte des Zen-Meis­ters Ikkyu Sojun zurück, die in ver­schiede­nen Sprachen, gekop­pelt mit ineinan­der verzah­n­ten Charak­ter­wech­seln – geheimnisvoll, spielerisch, the­atralisch und magisch – eine sur­reale, expres­sive Klang­welt her­vor­rufen. Johannes Kalitzke leit­et das her­vor­ra­gend disponierte WDR Sin­fonieorch­ester.
Mehrere gle­ichzeit­ig stat­tfind­ende Zeitver­läufe bes­tim­men den Can­to VII – Nanzen no kyo für vier Chor- und Instru­men­tal­grup­pen. In den „Lin­ien“ wird ein japanis­ch­er Gedicht­text nach und nach in deutsche Sil­ben ver­wan­delt, in den „Rota­tio­nen“ kreisen die Texte in sich. Durch diese Gegen­stre­bigkeit, verteilt auf ins­ge­samt acht Grup­pen, entste­ht eine span­nungsvolle Raumk­lang­wirkung.
Hans Zen­der ist ein zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­ist, der genau weiß, wo er in unser­er Kul­tur­land­schaft verortet ist. Die drei repräsen­ta­tiv­en Werke dieser CD führen in eine kün­st­lerisch frucht­bare Auseinan­der­set­zung mit sein­er musikalisch-philosophis­chen Ideen­welt.
Christoph J. Keller