Abels, Norbert / Elisabeth Schmierer (Hg.)

Hans Werner Henze und seine Zeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2013
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 64

So ver­schieden der Stil und die Pro­fes­sion der 16 Autoren auch sein mögen, so unter­schiedlich diese Hen­ze-Forsch­er und ‑Biografen, diese Literatur‑, Musik- und The­ater­wis­senschaftler die Zugangswege zu ihrem The­ma auch gewählt haben – „biografis­che, kul­tur­land­schaftliche, stof­fgeschichtliche, inhaltliche und all­ge­mein kün­st­lerische“ – und so vielfältig ihre Analysemeth­o­d­en erscheinen, so wenig ergibt sich daraus jene bunte Mis­chung, die Herzen­san­liegen der Her­aus­ge­ber war. Wom­it das Buch enorm beein­druckt, ist die (Fast-)Gesamtschau über Hen­zes Musik­the­ater, die diese 18 Beiträge bieten – samt Aus­flü­gen in andere (keineswegs fern­liegende) Gat­tun­gen: hin zum Vokalzyk­lus Voic­es und zu den Vio­linkonz­erten, die auf Pro­gram­ma­tis­ches, Szenis­ches und Poli­tis­ches nicht verzicht­en und die, wie Hen­zes Opern­welt, an Aktu­al­ität nichts einge­büßt haben.
Hen­ze hat ein­mal davon gesprochen, dass sich sein Schaf­fen aufs The­ater zu bewege und von dorther zurück­komme. Später for­mulierte er: „Wir haben alle gute Gründe zur Hand, um Musik als darstel­lende Kun­st begreifen zu dür­fen.“ Und immer wieder insistierte er auf eine „Musi­ca impu­ra“, die das Alltägliche in die Kun­st, Idiome nieder­er Musik in die Kun­st­musik inte­gri­ert – kein Patch­work in der Art des post­mod­ern Sinnleeren und Unverbindlichen freilich, son­dern eine Ton­sprache mit präg­nan­ten Inhal­ten und „nahe bei den Men­schen“.
Diese vielfälti­gen Aspek­te bieten nun den Inter­pre­ten der Werke und Kom­mentare, der Ästhetik und des Engage­ments Hen­zes für ihren Rundgang von Ein Lan­darzt hin zu Gisela jede Menge Bezugspunk­te und ein großes Betä­ti­gungs­feld. Sie betra­cht­en Märchen, Mythos und Com­me­dia dell’arte als Gegen­stände sein­er Bemühun­gen; sie sehen Radio­phonie, sur­re­al­is­tis­ches Spiel und Action for music als neue Mit­tel seines Gestal­tens und die Zusam­me­nar­beit mit Inge­borg Bach­mann bei Bal­lett und Lit­er­atur­op­er im Fokus von Gegen­wart­sakzen­tu­ierung. Ihnen ent­ge­ht nicht, wie beim Ver­such, gesellschaftlichen und kün­st­lerischen Fortschritt zu vere­inen, der Hen­ze auch zum Außen­seit­er machte, die Anmu­tun­gen der Real­ität den Kun­stcharak­ter der Musik stark prob­lema­tisieren kön­nen. Und wir lesen Werke­in­führun­gen, die sich find­ig den Sujets und deren Wurzeln und Geflecht­en, der Hand­lungs- und Fig­ure­n­analyse, der musikalis­chen Gestal­tung und der Büh­nen-Rezep­tion wid­men.
Alle diese Texte, zumeist Beiträge für ein Sym­po­sium, das anlässlich des Hen­ze-Pro­jek­ts in der Kul­turhaupt­stadt Europas RUHR 2010 stat­tfand, oder für Pro­grammhefte und Vorträge geschrieben, dazu eine umfan­gre­iche Chronik, Werk- und Lit­er­aturverze­ich­nisse, Noten­beispiele und der Bildteil machen das Buch zum infor­ma­tion­sre­ichen Kom­pendi­um. Und damit ist der Sam­mel­band her­vor­ra­gend in jen­er Rei­he des Ver­lags platziert, die sich seit Langem die Präsen­ta­tion „Große Kom­pon­is­ten und ihre Zeit“ zur Auf­gabe gemacht und mit Stan­dard­w­erken bedi­ent hat. Hen­ze hätte es gewiss gefreut, der­art als der bedeu­tend­ste deutsche Kom­pon­ist der Gegen­wart gewürdigt zu wer­den.
Eber­hard Kneipel