Schaufler, Wolfgang

Gustav Mahler

Dirigenten im Gespräch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2013
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 68

Die Lit­er­atur über Gus­tav Mahler ist längst unüber­schaubar gewor­den. In ihr wird – gemessen an der gewach­se­nen Bedeu­tung sein­er Werke im Konz­ertreper­toire – selb­stver­ständlich auch die Frage nach der musikalis­chen Prax­is, nach der klin­gen­den Inter­pre­ta­tion gestellt. Diese nimmt vor allem die Diri­gen­ten sein­er Musik in den Blick, denn als Sin­foniker hat Mahler – selb­st der vielle­icht bedeu­tend­ste Diri­gent sein­er Zeit – in erster Lin­ie den Orch­es­ter­diri­gen­ten gefordert. Mahler und seine Diri­gen­ten: Sie tauchen in der Lit­er­atur über den Kom­pon­is­ten schon früh auf. Zum Beispiel in Gestalt der Erin­nerun­gen und Gedanken von Bruno Wal­ter, der eng mit Mahler zusam­mengear­beit­et hat. Der amerikanis­che Diri­gent und Mahler-Apolo­get Leonard Bern­stein hat sich in seinen Schriften und Fernsehsendun­gen immer wieder engagiert zu Mahler geäußert. Später hat Michael Gie­len, seit Jahrzehn­ten ein­er der wichtig­sten Mahler-Diri­gen­ten, in Gesprächen mit Paul Fiebig inten­siv alle Sin­fonien bedacht. In diesem Kon­text war also das vor­liegende Buch längst über­fäl­lig. In ihm äußern sich fast alle bedeu­ten­den leben­den Mahler-Diri­gen­ten zu ihren Erfahrun­gen mit dieser Musik und ihrer eige­nen Sichtweise auf Mahler und sein Werk.
Es fehlen in dieser über­aus span­nen­den und für Laien wie für Fach­leute emi­nent lohnen­den Pub­lika­tion eigentlich nur drei in Sachen Mahler rel­e­vante Diri­gen­ten-Per­sön­lichkeit­en: Eli­ahu Inbal, dessen Sin­fonien-Zyk­lus auf CD zu den wichtig­sten Ein­spielun­gen gehört, James Levine und Roger Nor­ring­ton, der mit seinen Stuttgarter Mahler-Auf­führun­gen im vib­ratolosen Spiel eine eigene Posi­tion ver­tritt und gewiss Wichtiges zu Mahler und sein­er Auf­führung beizu­tra­gen gehabt hätte.
Doch auch so ist das Buch, das übri­gens mit einem Beitrag von Rein­hold Kubik über die Beziehung Mahlers zu seinem bevorzugten Ver­lag, der Wiener Uni­ver­sal Edi­tion, begin­nt, voll von auf­schlussre­ichen und nach­denkenswerten Äußerun­gen. Das Gute und das Lese- wie das Denkvergnü­gen wesentlich Befördernde ist dabei, dass ganz unter­schiedliche Ansätze und Aspek­te behan­delt wer­den. Es gibt, zum Beispiel mit der Ein­gangs­frage nach dem ersten Mahler-Erleb­nis, sehr per­sön­liche Aus­sagen der befragten Diri­gen­ten – von Abba­do über (u.a.) Blom­st­edt, Boulez, Chail­ly, Gergiev, Haitink, Jan­sons, Maazel, Mehta, Nel­sons, Nott, Rat­tle bis zu Zin­man –, dann aber auch sehr konkrete handw­erk­liche Anmerkun­gen, schließlich grund­sät­zliche Reflex­io­nen über die Bedeu­tung von Mahlers Werk. Der Ton ist in den meis­ten Inter­views offen und lock­er – und in der Aus­sage sind fast alle Gespräche über­aus erhel­lend. Die Ein­sicht über Mahler und die Wieder­gabe sein­er Werke wird durch die Lek­türe des Buch­es in nicht geringer Weise gesteigert. Und selb­st wenn Michael Gie­len deut­liche Kri­tik an Bern­steins Mahler-Stil übt, dann ist das weniger Kol­le­gen­schelte als Verdeut­lichung ein­er eige­nen, kon­se­quenten und scharf­sin­ni­gen Mahler-Sicht.
Die Porträtze­ich­nun­gen der 29 Maestri durch den Illus­tra­tor Peter M. Hoff­mann geben dem Band zudem eine sehr reizvolle optis­che Note.
Karl Georg Berg