Arnold Schönberg

Gurre-Lieder

Sächsische Staatskapelle Dresden, Gustav Mahler Jugendorchester, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, MDR-Rundfunkchor, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 05/2021 , Seite 83

Die erste Gurre-Lieder-Ein­spielung der Staatskapelle Dres­den vor diesem Livemitschnitt ent­stand 1995 unter dem dama­ligem Chefdiri­gen­ten Giuseppe Sinop­o­li. Auch inter­na­tion­al ließ kaum ein Spitzendiri­gent Arnold Schön­bergs rauschhafte, 1913 in Wien uraufge­führte Kan­taten­sym­phonie über eine Königsliebe auf der nord­dänis­chen Burg Gurre, den Zug des wilden Heers und das finale Melo­dram über Erin­nern und Verge­hen in der Natur aus. Rafael Kube­lik, Clau­dio Abba­do, Pierre Boulez, Zubin Mehta, Simon Rat­tle, Mariss Jan­sons und viele andere, bemerkenswert darunter Marc Albrecht in ein­er szenis­chen Real­isierung von Pierre Audi an der Nieder­ländis­chen Nation­alop­er, woll­ten sich den spätro­man­tis­chen Reko­rd­hal­ter in üppiger Großbe­set­zung nicht ent­ge­hen lassen.

Von Schön­bergs ero­tisch-pandä­monis­chem Mon­s­tero­pus nach Jens Peter Jacob­sen war es in Dres­den ein zu kurz­er Abstand bis zum ersten Lock­down: Nach drei Auf­führun­gen in der Sem­per­op­er im März 2020 kon­nten die Wieder­hol­ungskonz­erte mit – ein­schließlich des Gus­tav Mahler Jugen­dorch­esters – 148 Musik­ern, sechs Solis­ten und 150 Chorsängern bei den Salzburg­er Oster­fest­spie­len nicht stattfinden.

In nur 15 Monat­en hat Chris­t­ian Thiele­mann Liveauf­nah­men von Strauss’ Frau ohne Schat­ten mit den Wiener Phil­har­monikern bei Orfeo, Wag­n­ers Meis­tersingern von Nürn­berg und Gurre-Lieder in der Edi­tion Staatskapelle Dres­den vorgelegt. Drei aufwendi­ge Werke, in denen arche­typ­is­che Paarkon­stel­la­tio­nen sich in orgiastis­ch­er Hym­nik vollenden.

Die Neuein­spielung der Gurre-Lieder behauptet sich neben der großen Konkur­renz im ober­sten Lev­el, weil Thiele­mann in die rauschhaften Tut­ti-Wirkun­gen immer wieder lich­t­ende Schneisen set­zt und in den vie­len kam­mer­musikalis­chen Stellen kantablen Nach­druck ermöglicht. Nicht nur zu König Walde­mars let­ztem Solo zeigt er, dass Schön­berg während der Arbeit an den Gurre-Liedern inten­siv mit sein­er Har­monielehre beschäftigt war. Auch im Konz­ert faszinierte, wie die Per­sonal­massen auf der bis zum let­zten Quadratzen­time­ter gefüll­ten Bühne der Sem­per­op­er ein tönen­des Pastell nach dem anderen erschlossen, oh­ne dass Farbin­ten­sitäten durch diese Ver­feinerun­gen verblasst wären.

Ein­drucksvoll geri­et die mit fahlen Klän­gen und Pausen durch­set­zte Klage der Wald­taube von Christa May­er. Mit ein­er Aus­nahme sind die Solis­ten – die großar­tige Camil­la Nylund, Markus Mar­quardt, Wof­gang Ablinger-Sper­rhacke und im Melo­dram Franz Grund­he­ber – mit emphatis­chem wie dynamis­chen Aus­druck dabei. Nur Stephen Gould bleibt in den eksta­tis­chen, jauchzen­den und schwel­gerischen Sta­di­en der Vere­ini­gung Walde­mar mit Tove ein eher spröder Lieb­haber, der erst in den Soli der Wilden Jagd zur Best­form find­et. Bemerkenswert sind die von Thiele­mann klar mod­el­lierten und deshalb in der har­monis­chen Fülle fein dif­feren­zierten Rhyth­men. Ful­mi­nant geri­eten durch räum­liche und gestaffelte Organ­i­sa­tion die Chöre von Walde­mars Man­nen und das Finale.

Roland Dip­pel