Franz Schubert

Große Symphonie in C‑Dur

Klang-Verwaltung, Ltg. Enoch zu Guttenberg

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Farao
erschienen in: das Orchester 12/2018 , Seite 72

Mit dem Tod des Dirigenten Enoch zu Guttenberg am 16. Juni 2018 wird der nahende Szenenwechsel in der reichen Musikkultur auf der Tiroler (Erl) und der bayerischen Seite (Herrenchiemsee, Neubeuern) des Inntals zur Tatsache.
Weitaus weniger pompös als die Trauerfeier mit fast 2000 Gästen im oberfränkischen Schloss Guttenberg geriet die erst vor Kurzem veröffentlichte Aufnahme der Großen Sinfonie in C-Dur D 944, eine Einspielung aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz 2015. Bewundernswert ist die räumlich kontrastreiche, immer wieder glanzvolle und klare Tongebung der Klang-Verwal­tung. Doch neben der Beglückung gibt es im Vergleich mit eher sinfonisch gedachten Aufnahmen zutiefst verstörende Momente.
Enoch zu Guttenberg denkt manches anders: Bei ihm wird aus Schuberts oft schwelgerisch genommener Sinfonie ein kraftvoll revitalisiertes Überraschungspaket. Er schärft die Kontraste der Dynamik, der Tempi, der Instrumentengruppen und des Ausdrucks in bisher selten vernommenem Maße. Deshalb ist das zwischen den Polen der Einspielungen des milden Karl Böhm und der Genauigkeit von Nikolaus Harnoncourt einerseits und der rückwärts gedachten Deutung von Roy Goodman mit The Hannover Band auf Originalinstrumenten ein Streich, der neue Erkenntnisse vermittelt. Leicht macht es Guttenberg seinen Hörern allerdings nicht. Wechsel zwischen extrem verlangsamten Themenentwicklungen insbesondere im ersten Satz und vorsätzliche Tempi-Schwankungen innerhalb der Übergänge ersetzen die Gefälligkeit. Ein Zugang eröffnet sich nicht gleich beim ersten Hören.
So gewinnt diese Einspielung über die dokumentierende und repräsentierende Funktion hinaus tieferen Sinn. Denn ohne das Bekenntnis zu einer bestimmten Richtung der historisch informierten Aufführungspraxis glaubt man sich dem Gehalt von Schuberts Partitur so nahe wie selten. Jeder Paukenschlag ist differenziert und bei den Holzbläser-Soli, die nie nur schön, sondern immer als Glieder eines musikalischen Gedankens transparent werden, geht einem das Herz auf.
Trotzdem bleibt es nicht bei Angeboten zur akustischen Völlerei. Denn Guttenberg und seine Musiker machen dieses Opus zu einem einzigen Kontrastmittel, dessen Zusammensetzung schließlich doch nur schwer definierbar ist.
Selten wird dem Tänzerischen und Melodischen in Schuberts musikalischem Satz so hemmungslos und zugleich so kalkuliert gehuldigt wie hier. Verdickungen in den voll und breit gehaltenen Blechbläsern taugen dafür ebenso wie die oft solistisch intime, fast ausgedünnte Tongebung der Streicher.
Dieser Überfluss der musikalischen Gestaltungs- und Ausdrucksmittel bewirkt aber keine Übersättigung, sondern reizt, forciert und attackiert: Das ist wie ein Befreiungsschlag gegen die kulinarische Kuschelzone, mit der sich Enoch zu Guttenberg hoffentlich in die nachhaltige Erinnerung einfräst, und ein Erlebnis dynamischen Musizierens, für das die Kategorien „Like“ oder „Dislike“ schlichtweg unzureichend bleiben müssen.
Roland H. Dippel