Werke von Maurice Ravel, Fazıl Say und Minas Borboudakis

Grenzenlos

Quattro per Due: Jelena Stojkovic΄/ Yudum Cetiner (Klavier), Jürgen Spitschka/Manuel Pérez Delgado (Percussion)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sacral SACD9263
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 73

Die Mess­lat­te für Kom­po­si­tio­nen für zwei Klaviere und Schlagzeug liegt seit der Urauf­führung von Béla Bartóks Sonate für diese Beset­zung im Jahr 1938 sehr hoch. Und die Kon­se­quenz, mit der Bartók die Klavier­häm­mer der Tas­tatur mit dem Schägelbesteck der Perkus­sion­is­ten verknüpfte, sucht auch nach 80 Jahren noch ihres­gle­ichen.
Zwei aktuellere Werke für diese Beset­zung präsen­tiert das im Umfeld der Stuttgarter Musikhochschule ange­siedelte Quat­tro per Duo nun auf sein­er CD Gren­zen­los, ergänzt durch ein Arrange­ment der Rhap­sodie Espag­nole von Mau­rice Rav­el, bei dem zu den zwei Klavieren der Orig­i­nalver­sion Schlagzeugele­mente der Orch­ester­fas­sung hinzutreten. Diese Herange­hensweise ist äußerst reizvoll, da die perkus­siv­en Inter­ven­tio­nen in diesem Zusam­men­hang äußerst klar, pointiert und sparsam erscheinen und nahezu magis­che Qual­ität entwick­eln: Einige wenige grundierende Pauken­töne, ein Tri­an­gel­glitzern und ein einziger Tam­bour­in­wirbel – schon entste­ht vor dem inneren Ohr das (ide­al­isierte) Spanien­bild. Ein wun­der­bares Stück, auf das zwei orig­i­nale Klavier-Schlagzeug-Quar­tette von Fazıl Say und Minas Bor­boudakis fol­gen.
Wegen des großen organ­isatorischen Aufwands für die Konz­ertver­anstal­ter – nur rel­a­tiv wenige Säle ver­fü­gen über zwei hochw­er­tige Konz­ert­flügel, hinzu kommt der umfan­gre­iche Instru­mentenbe­darf der Perkus­sion­is­ten – gibt es nicht viele dieser Konz­erte. Bei denen, die dann doch stat­tfind­en, sind mit hoher Wahrschein­lichkeit Fazıl Says Vari­a­tio­nen op. 32 dabei. Das leuchtet unmit­tel­bar ein, denn mit sein­er lebendi­gen Musik, die Ele­mente tra­di­tioneller türkisch­er Musik über­aus dif­feren­ziert orchestri­ert und mod­ern gewan­det, erobert der Kom­pon­ist (und Pianist) derzeit weltweit die Herzen eines aufgeschlosse­nen Klas­sikpub­likums. Die Ein­spielung dieses Werks aus dem Jahr 2010 ist voll schön­er Far­ben, von großer Klarheit und vor allem im let­zten Satz von mitreißen­der Vir­tu­osität.
Nur min­i­mal sper­riger und poly­stilis­tisch bunt erklingt Chorochro­nos I (1997) von Minas Bor­boudakis, eine an Über­legun­gen des Astro­physik­ers Stephen Hawk­ing angelehnte Med­i­ta­tion über das Ver­hält­nis von Raum und Zeit. Min­i­mal­is­tis­che Zeit­­schleifen tre­f­fen auf extreme Ver­dichtungen und bilden bizarre Klang­wel­ten, geräuschhafte Clus­ter lösen sich spek­takulär ins Nichts auf.
Das Quat­tro per Due, dessen Musik­er Jele­na Sto­jković und Yudum Cetiner am Klavier sowie Jür­gen Spitsch­ka und Manuel Pérez Del­ga­do am Schlagzeug aus vier Natio­nen stam­men, hat die drei Werke der CD hochkarätig inter­pretiert, ihre engagierte musikalis­che Auseinan­der­set­zung mit den Werken ist in jedem Moment spür­bar.
Das Klang­bild der CD, die im großen Saal der Stuttgarter Musikhochschule aufgenom­men wurde, ist trans­par­ent und kraftvoll. Was sich Béla Bartók im Brief an Paul Sach­er vor der Urauf­führung sein­er Sonate wün­schte, wurde bei dieser CD mehr als erfüllt: „Die Klavier­spiel­er müssen freilich gut sein; und der Xylophon­spiel­er muss halt seine Par­tie schön üben.“
Stephan Fro­l­eyks