Dietlinde Küpper

Goethes Verhältnis zur Musik

Nichts kapiert und alles verstanden

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Tredition
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 63

Seit jeher ver­lockt die Frage nach Goethes Ver­hält­nis zur Musik zu aller­lei Antwortver­suchen. Im vor­liegen­den Fall, soviel vor­weg, han­delt es sich um Lek­türe-Kost der leichteren Art. Will sagen: Inhaltlich­er Zugriff und sprach­lich­er Duk­tus lassen schnell deut­lich wer­den, dass hier nicht etwa eine fach-wis­senschaftliche Studie vor­liegt, son­dern die Autorin entschei­det sich für unter­hal­tendes Erzählen in leicht ver­ständlich­er Sprache.
So greift die Kapitelfolge im Fragekon­text zweifel­sohne reich­lich vorhan­dene Erzäh­lanlässe ent­lang der sattsam bekan­nten Haupt­sta­tio­nen in Goethes Biografie auf – also etwa: häus­lich­er Unter­richt an Klavier und Vio­lon­cel­lo als Jugendlich­er; Stu­dien­zeit in der Musik­stadt Leipzig; Musik­leben am Hof in Weimar und als dor­tiger langjähriger Inten­dant Auseinan­der­set­zung mit dem musikalis­chen The­ater; Begeg­nung mit Alter Musik während der Ital­ien­reise; Zusam­me­nar­beit mit Johann Friedrich Reichardt und Fre­und­schaft mit Carl Friedrich Zel­ter; Entwurf ein­er Ton­lehre.
Nach Gehalt und Ton allerd­ings bleibt dies alles lediglich nacherzäh­lend. Wed­er ist eine lei­t­ende Unter­suchungsidee erkennbar noch nimmt Dietlinde Küp­per kri­tisch-wer­tend Bezug etwa auf Sekundär­lit­er­atur. Und all zu oft lesen sich Aus­sagen recht vage, ja speku­la­tiv: „[Goethe] kon­nte nicht mehr ohne Musik leben“ oder: „er brachte musikalis­chen Belan­gen großes Inter­esse ent­ge­gen, den­noch blieb bis ins Alter eine gewisse Dis­tanz spür­bar“. Ver­meintliche Rück­ver­sicherung für solcher­lei, denn doch allzu ober­fläch­lich anmu­tende Ein­schätzun­gen sucht Küp­per in zahlre­ichen Zitat­en aus dem lit­er­arischen Werk und Briefen, deren Fund­stellen indes nur sum­marisch und nicht präzise nachgewiesen wer­den.
Hinzu kommt: Hier und da wird durch ein „wir“ bzw. „uns“ im Text eine schein­bar gemein­same Per­spek­tive mit der Leser­schaft sug­geriert und es find­en sich immer wieder auch umgangssprach­liche Fügun­gen –wie etwa der Unter­ti­tel und For­mulierun­gen wie „es dauerte allerd­ings nicht lang, bis Mozart bei Goethe einen Stein im Brett hat­te“ oder „son­st wäre Lyrik nichts anderes als Geleier“.
Wenn sich die Autorin dann doch in eini­gen Kapiteln – so z.B. „Zur Prob­lematik der Ver­to­nung von (Goethes) Gedicht­en“ oder „Das Gespür für gute Musik: Erleb­nisse mit Bach, Hän­del, Mozart und Beethoven“ – vom bloß (Nach-)Erzählen löst, so wird ger­ade dort schlussendlich offenkundig, dass für die Aus­führun­gen eine Auf­fas­sung von dich­ter­isch­er Arbeit und ein Kün­stler­bild lei­t­end wirken, die nichts weniger als klis­chee­haft zu nen­nen sind.
Wer das Buch also zur Hand nimmt, den erwartet so etwas wie „Easy Lis­ten­ing“ im Lese­for­mat. Manch Goethe-Inter­essiert­er wird hier, bequem und unter­halt­sam, sicher­lich das ein oder andere zur Frage erfahren kön­nen, wann, wo und unter welchen Umstän­den Goethe mit Musik in Berührung gekom­men ist. Für diejeni­gen allerd­ings, die auf eine sub­stanzielle Auseinan­der­set­zung mit Aspek­ten des Frage­hor­i­zonts aus sind, gibt es dieser­art nur wenig wirk­lich lohnen­den Leses­toff zu ent­deck­en.
Gun­ther Diehl