Matthias Herrmann (Hg.)

Giuseppe Sinopoli und Dresden

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Sax
erschienen in: das Orchester 12/2021 , Seite 70

In einem Inter­view zitierte Eber­hard Stein­dorf, früher Konz­ert­man­ag­er der Säch­sis­chen Staatskapelle Dres­den, den ital­ienis­chen Diri­gen­ten und Kom­pon­is­ten Giuseppe Sinop­o­li: „Die Musik muss abso­lut im Sinne des Kom­pon­is­ten real­isier­bar sein. Die qual­i­ta­tive Text­treue ist Sym­pa­thie. Damit meine ich das Mitlei­den mit dem, was man dirigiert. Das per­sön­liche Miter­leben des dirigierten Kon­flik­ts, das nachempfind­ende Bear­beit­en des Stück­es. Das Stück muss durch mich hin­durchge­hen, es muss zum Spiegel mein­er eige­nen Befind­lichkeit wer­den. Wenn es nicht essen­zielle Schicht­en mein­er eige­nen Inner­lichkeit tang­iert, werde ich es nicht erfassen kön­nen.“ So weit also Giuseppe Sinop­o­li, der erst 54-jährig 2001 ver­starb – am Diri­gen­ten­pult der Deutschen Oper Berlin während ein­er Aida-Vorstellung.
Sinop­o­lis Erfolg beruhte auf der außeror­dentlichen Fähigkeit, Philoso­phie und Analyse in fes­sel­nden Klang zu ver­wan­deln. Matthias Her­rmanns Tex­tan­tholo­gie doku­men­tiert die Erfol­gs­geschichte des säch­sis­chen Spitzen­klangkör­pers, der sich nach der Wiedervere­ini­gung neu ori­en­tierte, von den ersten gemein­samen Auftrit­ten mit Sinop­o­li 1990 bis zur let­zten USA-Tournee 2001.
Artikel in Tageszeitun­gen, Berichte von unmit­tel­bar Beteiligten, von Part­nern wie Peter Ruz­ic­ka und von Orch­ester­mit­gliedern fügen sich zum schillern­den Mosaik ein­er auch unter der Ägide von Chris­t­ian Thiele­mann keineswegs verblassten Erfol­gs­geschichte: Sinop­o­li hat­te wenige Wochen vor seinem uner­warteten Tod einen Ver­trag als zukün­ftiger Gen­eral­musikdi­rek­tor der Säch­sis­chen Staatskapelle mit erweit­ert­er Ver­ant­wor­tung für die Sem­per­op­er unter­schrieben. Doch zu dem geplanten Ver­di-Zyk­lus, der an die Dres­d­ner Ver­di-Auf­führun­gen vor 1933 unter Fritz Busch anknüpfen sollte, kam es es nicht mehr. Die umfan­gre­ichen Tournee- und Auf­nah­metätigkeit­en der Staatskapelle unter dem vom Kom­ponieren immer mehr zum Dirigieren find­en­den Sinop­o­li blieb auf deutsche roman­tis­che Sin­fonik, Richard Strauss und Zweite Wiener Schule konzen­tri­ert. Sinop­o­lis hohe Affinität zum Musik­the­ater ist in seinen Dres­d­ner Auf­nah­men von Strauss’ Frau ohne Schat­ten und der kom­plex­en Gur­re­lieder von Arnold Schön­berg exem­plar­isch dokumentiert.
In kleinen Aus­blick­en zeigt sich, wie die Annäherung zwis­chen Sinop­o­li und dem säch­sis­chen Luxu­sklangkör­p­er in ein­er sta­bilen Wach­s­tum­skurve mit bei­d­seit­igem Wun­sch nach ein­er kün­st­lerischen Lebens­ge­mein­schaft gipfelte. Sinop­o­li hat­te es sich zum Ziel geset­zt, die Spiel­tra­di­tio­nen des Klangkör­pers zu stabilisieren.
Erwäh­nung find­et auch das Innen­leben der Proben- und Konz­ertabläufe, Sinop­o­lis Aufmerk­samkeit für beru­fliche und per­sön­liche Anliegen der Musik­er und seine zunehmende Begeis­terung für Dres­den als Lebens­mit­telpunkt. Sinop­o­li, der Strauss’ Elek­tra in der Auf­nahme unter Karl Böhm mit der Staatskapelle aus dem Jahr 1960 als einen sein­er stärk­sten musikalis­chen Jugen­dein­drücke betra­chtete, fand immer inten­sive Worte für seinen Wirkung­sort Dres­den, an dem auch einige sein­er besten Auf­nah­men entstanden.