Ulrike Brenning

Giovanni Battista Viotti (1755–1824)

Die europäische Karriere des großen Geigers und Komponisten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 62

Es war Liebe bei der ersten Berührung. Vor mehr als dreißig Jahren bekam Ulrike Bren­ning im Haupt­fachunter­richt ein Werk in die Fin­ger, das schon den brum­mi­gen Brahms zum Schwär­men ver­führt hat­te: das Vio­linkonz­ert a-Moll Nr. 22 des ital­ienis­chen Geigen­vir­tu­osen Gio­van­ni Bat­tista Viot­ti. Beim Ver­such, Genaueres über dessen Leben und Schaf­fen zu erfahren, stieß sie als­bald ins Leere. Außer der Dis­ser­ta­tion Viot­ti and his Vio­lin Con­cer­tos (1957) und dem 1985 veröf­fentlicht­en the­ma­tis­chen Werkverze­ich­nis von Chap­pell White gab es damals nur die 1956 erstaufgelegte Biografie von Remo Gia­zot­to, die ihr ein Musikalien­händler in Siena beschaffte. „Ich spürte, dass es meine Auf­gabe sein würde, eine Biografie auf Deutsch über den großen, zukun­ftweisenden Vio­lin­is­ten des 18. Jahrhun­derts und her­vor­ra­gen­den Kom­pon­is­ten zu schreiben“, erin­nert sich die Autorin ein­lei­t­end.
Immer­hin erschien 2006 in Ital­ien eine neue Biografie, der 2009 das ambitiöse Werk Ami­co – The Life of Gio­van­ni Bat­tista Viot­ti von War­wick Lis­ter fol­gte. Doch ist das vor­liegende, dura­bel gebun­dene Buch samt CD die erste umfassende Pub­lika­tion zu Viot­ti in deutsch­er Sprache. Obwohl akribis­che Quel­len­stu­di­en in deutschen, franzö­sis­chen und ital­ienis­chen Archiv­en in sie ein­flossen, von der Auswer­tung zahllos­er Sekundär­lit­er­atur gar nicht zu reden, liest sich die Doku­men­tar­bi­ografie fast wie ein Roman. Auf­bau und Inhalt lassen die reiche Schreiber­fahrung erken­nen, die der pro­movierten Musik­wis­senschaft­lerin und Kul­tur­jour­nal­istin, die inzwis­chen eine Pro­fes­sur an der Hochschule Han­nover innehat, im Laufe ihrer freien Beruf­s­jahre zufloss. Auch find­en sich Anmerkun­gen und die fremd­sprachi­gen Orig­inal­texte zitiert­er Zeug­nisse immer auf der gle­ichen Seite „unterm Strich“, sodass sich müh­sames Nach­schla­gen erübrigt.
Dank bild­hafter Schilderun­gen, Land­schaften, Orte und gesellschaftliche Milieus betr­e­f­fend, und sub­limer Ein­füh­lung der Autorin in die keineswegs ruhm­süchtige Per­sön­lichkeit des Vir­tu­osen, der allein 29 Vio­linkonz­erte hin­ter­ließ und eine bis in die Gegen­wart ausstrahlende Schü­ler­gen­er­a­tion her­an­zog, fühlt sich der Leser mitgenom­men auf ei­ne wech­selvolle Leben­sreise zwis­chen Aufk­lärung und blutiger Rev­o­lu­tion, Fürsten­saal und Bürg­er­sa­lon, Willkom­men und Ausweisung, Konz­ert­man­age­ment und Wein­han­del, Künst­lerglück und Konkurs. Als Sohn eines Huf­schmieds aus dem Piemont der Gun­st kun­stsin­niger Adelshäuser und gekrön­ter Häupter Europas teil­haftig, zeitweise mit der Leitung erster Opern­häuser in Paris und Lon­don betraut, sehnt sich der welt­ge­wandte Vir­tu­ose let­z­tendlich nach der famil­iären Wärme des Ehep­aars William und Mar­garet Chin­nery – eine damals dur­chaus gewagte Ménage-à-trois mit einem betrügerischen Schatzmeis­ter und sein­er betrieb­samen Gat­tin.
Die beigelegte CD aus der Kam­mer­musik­w­erk­statt von Oliv­er Wille (Han­nover) doku­men­tiert zwei der Tre quar­tet­ti con­cer­tan­ti Viot­tis, die sich for­mal und stilis­tisch an Haydn ori­en­tieren, dem er in Lon­don begeg­nete.
Lutz Lesle