Gioachino Rossini

Amor fatale. Rossini arias

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BRmedia Service
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 69

Es ist lobenswert, dass diese Ein­spielung – so zumin­d­est deklar­i­ert es der Book­let­text – als eine Art Plä­doy­er für die starken Frauen in der Oper gese­hen wer­den kann und soll, so doch der Opern- und Musik­be­trieb schon immer größ­ten­teils in Män­ner­hand war und weit­er­hin ist.Rossini liebte bekan­nter­maßen die sinnlichen Genüsse und bil­ligte den weib­lichen Rollen einen hohen Stel­len­wert in seinen Opern zu. Gui­do Johannes Joerg beschreibt und erk­lärt im Book­let anschaulich und aus­führlich, was es mit den Heldin­nen in den 14 Piè­cen dieser Ein­spielung auf sich hat. Hier erfahren wir auch, dass die let­tis­che Sopranistin Mari­na Rebe­ka, Haupt­pro­tag­o­nistin der hier vorgestell­ten Arien, für dieses Album Orig­i­nal­par­ti­turen ver­wen­dete und ihre viel­seitigen Erfahrun­gen mit Rossi­nis Musik­welt dazu nutzte, sie so zu bear­beit­en, dass die teil­weise selb­st ent­wickelten Koloraturen den emo­tionalen Gehalt der ver­schiede­nen Rol­lenbilder noch stärk­er hervorheben.Dies zeigt das Herzblut, welch­es in dieser musikalis­chen Arbeit steck­en mag, doch das Ergeb­nis ist eher ent­täuschend: Die mächti­gen Frauen, die musikalisch in her­rlichen Kan­tile­nen ihr Liebesweh kla­gen oder als wilde Furien über die Tes­si­turen galop­pieren, klin­gen zulet­zt doch ziem­lich ein­far­big, und auch wenn Mari­na Rebe­ka über glasklare Spitzen­töne ver­fügt, so fehlt diese Klarheit ihrer tief­er­en Mit­tel­lage, die über ein etwas ver­wasch­enes Mez­zopi­ano nicht hin­aus gelangt.In den ersten Arien ver­liert die Into­na­tion in Abwärts­be­we­gun­gen an Sta­bil­ität, was nicht weit­er tragisch wäre, wenn Rebe­ka sich trauen würde, die berührende Schlichtheit, wie sie sie in der Arie „Assisa
a pie d’un sal­ice“ anklin­gen lässt, öfter einzuset­zen oder sich im Gegen­stück mutiger an die tragis­chen Momente her­an­wagte, indem sie dynamisch viel­seit­iger gestal­tet. Die Arien selb­st sind kleine feine Kunst­werke, die einzeln gehört mitunter wie beson­ders aus­gewählte Pra­li­nen schmeck­en. Doch wie auch diese, wenn man mehr als drei bis vier von ihnen ver­nascht, ver­lieren die Stücke an Geschmack, so man sie an die 70 Minuten lang hin­tere­inan­der konsumiert.Hervorzuheben sind einige wirk­lich gelun­gene Orch­ester­vor­spiele wie in der oben genan­nten Arie, wenn die Harfe die melan­cholis­che Kan­ti­lene der Sopranistin eröffnet oder das Orch­ester leicht­füßig tänzel­nd „Bel rag­gio lus­inghi­er“ aus der Oper Semi­ramide ein­leit­et und die zauber­haften Har­moniewech­sel und Melodie aus Guil­laume Tells „Ils s’éloigne enfin“ intoniert, was neben dem vor­let­zten, in sein­er Tonal­ität zunächst ori­en­tal­isch anmu­ten­den Pro­gramm­punkt „Pour notre amour“ aus sel­biger Oper sich­er zu den Höhep­unk­ten der Ein­spielung zählt. Hier wiegt sich Mari­na Rebe­ka in Tri­olen über das Orch­ester, bevor dieses pom­pös die let­zte Arie „Tan­ti affet­ti“ aus der wenig bekan­nten Oper La don­na del lago ein­läutet, die der Chor des Bay­erischen Rund­funks mit energiege­laden­em vollen Klang würzt.
Kathrin Feld­mann