Schneider, Friedrich

Gethsemane und Golgatha

Passions-Oratorium für Soli, Chor und Orchester op. 96, Urtext, hg. von Nick Pfefferkorn

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Pfefferkorn, Leipzig 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 69

Der Ver­lag Pfef­fer­ko­rn hat sich in let­zter Zeit mehrfach für das Schaf­fen von Friedrich Schnei­der (1786–1853) einge­set­zt. Als Pianist der Urauf­führung von Beethovens 5. Klavierkonz­ert gilt uns sein Name als Rand­no­tiz der Musikgeschichte, mit seinem bre­it­ge­fächerten Wirken als Kom­pon­ist, Diri­gent, Organ­isator und Päd­a­goge genoss er bei seinen Zeitgenossen höch­stes Anse­hen. Nach ein­er musikalis­chen Grun­daus­bil­dung im Eltern­haus wur­den die Leipziger Thomaskan­toren Müller und Schicht seine Lehrer und Förder­er. Seine Stel­lung als Organ­ist der Thomaskirche gab er 1821 auf und wurde Hofkapellmeis­ter in Dessau. Der nach­haltige Erfolg seines Ora­to­ri­ums Das Welt­gericht von 1820 machte ihn bekan­nt, und in der Folge stellte sein Vokalw­erk die Kammer‑, Klavier- und Orch­ester­musik in den Schat­ten. Der eigentliche Grund hier­für dürfte seine stilis­tis­che Ori­en­tierung an klas­sis­chen Vor­bildern gewe­sen sein. Die zeit­genös­sis­che Presse beze­ich­nete ihn als “Hän­del unser­er Zeit”. Robert Schu­mann ver­glich ihn mit einem Baumeis­ter, der alles geschickt und zweck­mäßig an die richtige Stelle zu set­zen wisse.
Der Text des vor­liegen­den Pas­sions-Ora­to­ri­ums von 1838 fasst – wie etliche Vor­bilder aus dem 18. Jahrhun­dert – die markan­ten Stellen der vier Evan­gelien zusam­men und fügt Betra­ch­tun­gen der han­del­nden Per­so­n­en und der Gemeinde ein. Let­ztere kann sich bei kirch­lichen Auf­führun­gen an schlicht­en Chorälen sin­gend beteili­gen. Die Chris­tus­par­tie ist dem Tenor zugewiesen und wird von Bläser­akko­r­den begleit­et. Die Hand­lung des Libret­tos beschränkt sich weit­ge­hend auf stil­isierte Dialoge, und so liegt das Haupt­gewicht auf den betra­ch­t­en­den Chor- und Ensem­blesätzen. Die Tur­ba-Chöre sind ver­gle­ich­sweise kurz und wenig drama­tisch. Eine plas­tis­che Darstel­lung erfährt die Spöt­ter-Szene am Kreuz: Insistierende Sequen­zen fordern “Nun siehe, wie du dir sel­ber hil­f­st!”, eine chro­ma­tisch absteigende Lin­ie sagt “steig herab vom Kreuze”, eine auf­steigende Skala in den Vio­li­nen auf “Gottes Sohn” zeigt, dass dieser ein anderes Ziel hat. Einen starken Kon­trast bildet der Schluss­chor, dessen feier­lich­es D‑Dur in eine jubel­nde Fuge mün­det. Der abschließende Choral ver­wen­det die Melodie “Wachet auf, ruft uns die Stimme”, die uns aus der Vor­wei­h­nacht­szeit geläu­fig ist.
Vere­inzelte Unstim­migkeit­en inmit­ten eines anson­sten soli­den Urtexts sind zu bean­standen. Im Takt 36 der Ein­leitung find­et sich in der Vio­line 2 ein dis­so­nantes cis’, eine Kon­stel­la­tion, die sich merk­würdi­ger­weise an ver­gle­ich­bar­er Stelle im fol­gen­den Choral im vor­let­zten Takt im Tenor wieder­holt. Ein Blick in einen im Inter­net ver­füg­baren Klavier­auszug zeigt jedoch, dass es sich hier um Druck­fehler han­delt, wie auch in
Nr. 11b, Takt 38 in der 2. Klar­inette. Weit­ere kleine Fehler kön­nten sich in den Sätzen 10 und 12 find­en. Der Ver­lag sollte diese Irrtümer auf einem beizule­gen­den Zettel korrigieren.

Jür­gen Hinz