Kruse-Weber, Silke / Barbara Borovnjak (Hg.)

Gesund und motiviert musizieren. Ein Leben lang

Musikergesundheit zwischen Traum und Wirklichkeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2015
erschienen in: das Orchester 06/2016 , Seite 62

„Wenn die ‚zu erfül­len­den Vor­gaben’ im Studi­um oder im Job […] mit den eige­nen Zielvorstel­lun­gen, Maßstäben und Träu­men übere­in­stim­men, lebt man gesün­der.“ Bis zu dieser kerni­gen Botschaft liest man sich gerne durch 284 Seit­en ein­er beacht­enswerten Samm­lung von Beiträ­gen über die Grund­la­gen für Gesund­heit von Musik­ern in Aus­bil­dung und Beruf. Das Buch geht her­vor aus einem Sym­po­sium an der Kun­stu­ni­ver­sität Graz im Juni 2013. Die Herkun­ft der Her­aus­ge­berin­nen befördert einen musikpäda­gogischen Schw­er­punkt, daneben kom­men Autoren aus unter­schiedlich­sten Bere­ichen in aus­ge­wo­gen­er Zusam­men­stel­lung zu Wort: Musik­phys­i­olo­gie und Musik­er­medi­zin, Musikpsy­cholo­gie, Musik­wis­senschaft, Infor­matik, Epi­demi­olo­gie, Bio­mechanik, Lern- und Moti­va­tions­forschung.
Daraus ergibt sich eine anre­gende Mis­chung aus The­o­rie und Prax­is. Dat­en, Befunde, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, Kasu­is­tik, diag­nos­tis­che, ther­a­peutis­che und tech­nis­che Anwen­dun­gen, nach­den­kliche Reflex­ion und Round­table-Diskus­sion ste­hen nebeneinan­der und inter­pretieren die den Buchti­tel prä­gen­den Begriffe „gesund“ und „motiviert“ im Sinne ein­er wech­sel­seit­i­gen Abhängigkeit. Das Buch gerät zu ein­er umfassenden Stan­dortbes­tim­mung, deren Teile übri­gens durch vielfältige innere Bezüge der ange­sagten inter­diszi­plinären Ver­net­zung schon Vorschub leis­ten.
Ein verbinden­des Ele­ment ist die „Bal­ance“, die im Resümee auf drei Ebe­nen bezo­gen wird: Bal­ance auf der Ebene beru­flich­er Sozial­i­sa­tion als Fähigkeit, intrin­sis­che Moti­va­tion mit real­is­tis­ch­er Selb­stein­schätzung zu verbinden und bei­des in Rich­tung „Music-Life-Bal­ance“ zu entwick­eln; ­intrap­er­son­ale Bal­ance, welche auf Indi­vid­u­al­ität Rück­sicht nimmt und zum Beispiel durch Musik selb­st als moti­va­tionale und Gesund­heit fördernde Ressource (wieder-)hergestellt wer­den kann; schließlich Bal­ance im insti­tu­tionellen Umfeld, die unter anderem durch Her­aus­bilden ein­er aus­gle­ichen­den Kom­mu­nika­tions- und Fehlerkul­tur und den Aus­bau gesund­heits­fördern­der Ange­bote in Musik- bzw. Hochschulpäd­a­gogik sowie in musikalis­chen Arbeit­sumge­bun­gen hergestellt wer­den muss. Das über­ge­ord­nete Ziel liegt darin, den Prozess der Selb­stfind­ung und Selb­stver­ant­wor­tung zu unter­stützen und die Musik­er auf jed­er Stufe ihrer lebens­geschichtlichen Entwick­lung und in allen Bere­ichen beru­flichen und ­außer­beru­flichen Musikschaf­fens angemessen zu begleit­en.
Kein Kochbuch, eher ein kreativ­er, Rich­tun­gen weisender „Küchen­führer“, der Appetit macht und Gerät und Zutat find­en lässt. Kochen darf man selb­st. Sehr zu empfehlen für alle, die sich mit präven­tivem, ther­a­peutis­chem oder päd­a­gogis­chem Ansatz dem The­ma Musik­erge­sund­heit näh­ern und zum Wei­t­er­denken inspiri­eren lassen möcht­en. Eben­so für inter­essierte Musik­er, die sich hier aktuell informieren und neben­bei erfahren kön­nen, zu welch dif­feren­ziertem Niveau die Beschäf­ti­gung mit Musik­erge­sund­heit in Päd­a­gogik und präven­tiv­er Anwen­dung inzwis­chen gekom­men ist.
Mar­tin Fendel