Klaus Aringer/Franz Karl Praßl/Peter Revers/Christian Utz (Hg.)

Geschichte und Gegenwart des musikalischen Hörens

Diskurse – Geschichte(n) – Poetiken

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rombach
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 56

Hördiskurse, Hörgeschicht­en, Hör­po­et­iken, unter diese Über­schriften sind ins­ge­samt 19 Beiträge ein­er inter­na­tion­al aufgestell­ten Autoren­riege ein­sortiert. Im 1. Kapi­tel „Hördiskurse“ reflek­tiert Mar­tin Kalte­neck­er über die Sinnhaftigkeit ein­er Geschichte des Musikhörens. Für Chris­t­ian Grüny bein­hal­tet Musikhören die Verknüp­fung der musik­the­o­retis­chen Diszi­plinen mit philosophis­chen und medi­alen Kon­stel­la­tio­nen. Chris­t­ian Utz wid­met sich den „Präsenz­phä­no­menen“ in der Musik und plädiert für die Ein­führung des Begriffs „per­for­ma­tives Hören“: Dieser soll das u.a. von Adorno apos­tro­phierte „adäquate Hören“ ins­beson­dere für die Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts ablösen. Auch im Artikel von Danielle Sofer fällt die Argu­men­ta­tion auf, dem von Adorno, Schenker und anderen apos­tro­phierten Mod­ell des „struk­turellen Hörens“ ein der heuti­gen Sit­u­a­tion adäquates Mod­ell eines „ide­alen Hör­ers“ ent­ge­gen­zustellen. Einen musikpsy­chol­o­gis­chen Ansatz ver­fol­gt Ruth Her­bert und plädiert für ein „mul­ti­modales Erleben“ von Musik unter dem Ver­weis auf ähn­lich geart­ete Konzepte in der Wirtschaft, sub­sum­miert unter dem Begriff „Erleb­nisökonomie“.
Die Beiträge im 2. Kapi­tel „Hörgeschicht­en“ führen in Spezial­themen aus der musikalis­chen Prax­is, sei es die hörende Rezep­tion im Gre­go­ri­an­is­chen Choral (Franz Karl Praßl und Ste­fan Engels) oder der Ver­such ein­er „Rekon­struk­tion alter Musik […] als Geschichte eines neuen musikalis­chen Hörens“ in den Auf­sätzen von Klaus Aringer, Dieter Gutknecht und Niko­laus Bacht.
In der musik­wis­senschaftlichen Lit­er­atur sträflich ver­nach­läs­sigt ist die Erforschung der Geschichte des Pro­grammhefts: Chris­tiane Tewinkel legt die funk­tionalen Verän­derun­gen musikalis­ch­er Erläuterung­s­texte in Bezug auf die Hör­wahrnehmung vom 19. bis ins 21. Jahrhun­dert plau­si­bel dar. Han­s­jakob Ziemer wid­met sich der his­torischen Anthro­polo­gie des Musikhörens der 1920er Jahre. Rain­er Non­nen­mann und Mar­i­on Sax­er disku­tieren Hörstrate­gien an Werken zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­is­ten wie Spahlinger bzw. Cage und Ablinger.
Anna Maria Busse Berg­er schildert in einem musiketh­nol­o­gis­chen Beitrag zum The­ma Mis­sion­ierung im Tansa­nia der 1930er Jahre den Zusam­men­hang zwis­chen Renais­sance­musik, ver­gle­ichen­der Musik­wis­senschaft und protes­tantis­ch­er Mis­sion­sar­beit.
In der Rubrik „Hör­po­et­iken“ sind lediglich drei Beiträge von Kom­pon­is­ten aus Graz und Berlin enthal­ten. Peter Ablinger und Klaus Lang erweit­ern den Diskurs von der rein hören­den Wahrnehmung auf bildende Kun­st (Cezanne, Moran­di, Mon­dri­an), Philoso­phie (Zur­barán) und Lit­er­atur (Musil), während Clemens Gaden­stät­ter der Frage nach dem „Ver­ste­hen im Hören“ als Grund­lage sein­er kom­pos­i­torischen Arbeit nachge­ht.
Ins­ge­samt ist dieses Buch eine lesenswerte, wichtige und pro­fes­sionell gear­beit­ete Samm­lung zum The­ma Musikhören, dessen wis­senschaftlich ser­iöse Erforschung viel zu lange ver­nach­läs­sigt wurde.
Kay West­er­mann