Nicola Antonio Porpora

Germanico in Germania

Max Emanuel Cencic (Countertenor), Julia Lezhneva (Sopran), Mary-Ellen Nesi (Mezzosopran), Julian Sancho (Tenor) und andere, Capella Cracoviensis, Ltg. Jan Tomasz Adamus

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Decca
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 62

Jubiläen sind aktiviertes Gedächt­nis. So auch bei dem zu Lebzeit­en gefeierten, 1686 in Neapel gebore­nen Kom­pon­is­ten Nico­la Anto­nio Por­po­ra, der 1768 im Elend ver­starb und zu dessen run­dem Todestag so etwas wie eine längst über­fäl­lige Renais­sance ein­set­zte. Sein Ruhm grün­dete sich zunächst vor allem auf sein Wirken als Gesangspäd­a­goge. Zu seinen Schülern gehörten leg­endäre Kas­trat­en-Stars wie Farinel­li und Caf­farel­li, für deren exquis­ite Kehlen er unge­mein anspruchsvolle Stücke schrieb. Seine Opern, alle­samt vokale Bravourstücke, macht­en ihn zu einem gefragten Kom­pon­is­ten – anfangs in Ital­ien, dann auch inter­na­tion­al. Im ruinösen The­ater­be­trieb Lon­dons war er ein gefürchteter Antipode Hän­dels, in Dres­den lieferte er sich mit Johann Adolf Has­se einen hefti­gen „Opernkrieg“, und in Wien schloss sich ihm zeitweilig der junge Joseph Haydn als Schüler – und als Kam­mer­di­ener an. Eine wech­selvolle, von Tri­umphen und Kämpfen geprägte Kar­riere.
Um die Neuent­deck­ung Por­po­ras hat sich ins­beson­dere der Coun­tertenor Max Emanuel Cen­cic ver­di­ent gemacht, ein Vir­tu­ose des barock­en Zierge­sangs und zugle­ich emsiger Pro­mo­tor ein­schlägiger Opern vor allem von Hän­del. Das The­ater an der Wien brachte 2017 eine von Cen­cic betriebene, glanzvolle Pro­duk­tion der 1732 in Rom uraufge­führten Por­po­ra-Oper Ger­man­i­co in Ger­ma­nia her­aus, die nun auch in gle­ich­er Beset­zung bei Dec­ca her­auskam – zweifel­los ein Mark­stein in der Rezep­tion des lange vergesse­nen Kom­pon­is­ten, der als Liefer­ant opu­len­ter Stim­makro­batik bis­lang eher das Eigen­tum von Ken­nern und Lieb­habern barock­er Sangeskun­st war.
In dem Werk geht es um das Schick­sal ein­er ger­man­is­chen Fürsten­fam­i­lie, deren Stadt von den Römern bedro­ht wird. Die Geschichte um Ver­rat und Helden­mut erhält durch die Liebe zwis­chen ein­er Ger­manin und einem Römer zusät­zliche Dra­matik. Alle­mal wichtiger als die Hand­lung ist der vokale Prunk, mit dem Por­po­ra das ver­wick­elte Geschehen und dessen Skala unter­schiedlich­er Gefüh­le überzieht. Die CD-Ein­spielung verzichtet darauf, die weib­lichen Rollen, die ursprünglich alle von Kas­trat­en gesun­gen wer­den mussten, durch­weg mit Counter-Stim­men zu beset­zen – mit Aus­nahme der Titel­rolle: Hier ent­facht der sou­verän geläu­fige, tech­nisch wie stilis­tisch per­fek­te Altist Cen­cic ein Feuer­w­erk spek­takulären Zierge­sangs – mit Katarak­ten von Sprün­gen, Läufen, Trillern und Kaskaden. Seinen Gegen­spiel­er Arminio singt Mary-Ellen Nesi mit dun­klem, grandios beweglichem Mez­zo, und vor allem Julia Lezh­ne­va als tragisch liebende Ersin­da zeigt sich den haarsträuben­den Anforderun­gen der üppig kolo­ri­erten Par­ti­tur vol­lkom­men gewach­sen. Tadel­los auch das übrige Ensem­ble.
Am Pult der Capel­la Cra­covien­sis gelingt es Jan Tomasz Adamus, dem eher kon­ven­tionellen Orch­ester­part des am Muster der Opera seria ori­en­tierten Werks far­bige Plas­tiz­ität und drama­tis­che Verve zu ver­lei­hen.
Rüdi­ger Krohn