Stahmer, Klaus Hinrich

Gerettete Blätter

für Violine solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Verlag Neue Musik, Berlin 2012,
erschienen in: das Orchester 04/2014 , Seite 72

Äußerst sel­ten nur erfährt man von einem Kom­pon­is­ten so viel zum Hin­ter­grund, zur Entste­hung und zum for­malen Auf­bau eines Werks, wie Klaus Hin­rich Stah­mer im Vor­wort zu seinen Geretteten Blät­tern für Vio­line solo preis­gibt. Zusät­zlich lässt Stah­mer den Aus­führen­den (und sein Pub­likum) wis­sen, was er mit seinem Werk erre­ichen möchte: ein musikalis­ches „Zeichen“ set­zen gegen den „Ungeist der Bücherver­bren­nung“.
Wie erre­icht der 1941 in Stet­tin geborene Kom­pon­ist dieses außer­musikalis­che Ziel? Zunächst ein­mal durch Zitate aus Werken „entarteter“ Kom­pon­is­ten wie Erwin Schul­hoff, Paul Ben-Haim, Paul Hin­demith, Karl Amadeus Hart­mann oder Béla Bartók. Um diese meist kurzen Zitate oder Par­tikel bess­er erken­nen zu kön­nen, sind die entsprechen­den Stellen im Noten­text mit einem „In memo­ri­am…“ gekennze­ich­net. Doch Klaus Hin­rich Stah­mer belässt es nicht bei ein­fachen, weit­ge­hend unver­fremde­ten Anlei­hen bei seinen Kom­pon­is­tenkol­le­gen aus der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus. Er ver­sucht vielmehr, die gesamte Solosonate für Vio­line wie ein Werk aus dieser Zeit klin­gen zu lassen – allerd­ings nicht in ein­er auf lin­eare Entwick­lung set­zen­den, son­dern vielmehr an eine Col­lage erin­nern­den Form.
Klaus Hin­rich Stah­mer ist bekan­nt dafür, in vie­len sein­er bish­eri­gen Werke außer­musikalis­che Bezüge gesucht und außer­halb der tra­di­tionellen klas­sis­chen Musik ange­siedelte Arten der Ton­erzeu­gung ver­wen­det zu haben. In seinen Geretteten Blät­tern geht er auf eine etwas abstrak­tere Art über die üblichen musikalis­chen Gren­zen hin­aus, indem er die ange­sproch­ene Col­lage-Tech­nik ger­adezu als ein Abbild des dargestell­ten außer­musikalis­chen Inhalts, der Bücherver­bren­nung, sieht: die verkohlten Noten­blät­ter mit einzel­nen Werk­bruch­stück­en, die zu einem klin­gen­den „In Memo­ri­am“ zusam­menge­set­zt wer­den.
Damit dieses sehr kon­stru­iert wirk­ende Kom­ponieren nicht zu rein­er Kopf- oder Augen­musik führt, struk­turi­ert Stah­mer sein Werk über­greifend in drei Teile: Einem getra­ge­nen Ein­leitung­steil fol­gt ein furios­es, chimären­haftes Presto, dem, den Rah­men ver­voll­ständi­gend, ein wieder ruhiger­er Schlussteil fol­gt. Und auch ein weit­eres Stilmerk­mal bewahrt diese Geretteten Blät­ter davor, allzu the­o­retisch zu klin­gen. Klaus Hin­rich Stah­mer wid­met sein­er instru­men­tal­en Pro­tag­o­nistin dur­chaus musikan­tis­che Kon­turen, klangvolle Lin­ien und vir­tu­ose Höhep­unk­te. Die Vio­line darf in diesem vor knapp drei Jahren ent­stande­nen und dem Geiger Her­wig Zack gewid­me­ten Werk alles geben – vom tief­be­trübten Lamen­to bis hin zum rabi­at­en Wutaus­bruch ist (fast) die gesamte Skala der Emo­tio­nen gefragt.
Daniel Knödler