Schlögl, Michaela / Wilhelm Sinkovicz

Georges Prêtre

Maestro con brio

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Styria, Wien 2009
erschienen in: das Orchester 04/2010 , Seite 69

„Es war ihm nicht an der Wiege gesun­gen. Dass er einst ein welt­berühmter Diri­gent wer­den sollte. Das nicht.“ So begin­nt die Biografie von Georges Prêtre, in der Michaela Schlögl und Wil­helm Sinkovicz sich auf die Spuren des Mae­stro begeben – eines „Mae­stro con brio“, für den stets die Musik an erster Stelle ste­ht.
Aufgewach­sen in ärm­lichen Ver­hält­nis­sen im nord­franzö­sis­chen Waziers ent­deckt Georges früh seine Liebe zur Klas­sik und lauscht begeis­tert den Konz­ertüber­tra­gun­gen im Radio: „Wenn er auch nicht ahnt, was diese Musik ihm genau sagen will, er ist mit­geris­sen von ihrer Verve. Mit einem kleinen Lin­eal schlägt er den Takt dazu…“ Nach dem Studi­um am Con­ser­va­toire nation­al in Douai lässt sich Prêtre in Paris zum Diri­gen­ten aus­bilden und debütiert an der Oper in Mar­seille mit Camille Saint-Saëns’ Werk Sam­son und Dalila – nach ein­er einzi­gen Probe. „Das Orch­ester ste­ht ihm dafür nicht zur Ver­fü­gung. Er wird die Musik­er erst am Abend ken­nen­ler­nen und sich ihnen ‚auf den ersten Blick‘ ver­ständlich machen müssen. Nur die Sänger und ein Kor­repeti­tor am Klavier sind da, um sich mit dem Mae­stro ver­traut zu machen.“
Prêtre meis­tert die Her­aus­forderung mit Bravour und ste­ht von da an im Ram­p­en­licht: Er gilt als Lieblings­diri­gent von Maria Callas, er dirigiert an allen großen Opern­häusern der Welt und leit­ete 2010 zum zweit­en Mal das Neu­jahrskonz­ert der Wiener Phil­har­moniker. Ganz ein­fach ist die Zusam­me­nar­beit mit ihm freilich nicht: In jun­gen Jahren ist er dem Orch­ester und den Sängern gegenüber oft so streng, dass er im Ruf eines Zucht­meis­ters ste­ht und erst später das nötige Feinge­fühl entwick­elt.
Daneben wer­fen Schlögl und Sinkovicz auch einen Blick auf Prêtres Pri­vatleben. Seine Tochter stellte den Autoren Aufze­ich­nun­gen aus Gesprächen zur Ver­fü­gung, und so kristallisiert sich das Bild eines nicht immer ganz ein­fachen Men­schen her­aus, der nicht nur im Orch­ester­graben, son­dern auch in der Fam­i­lie die Zügel fest in der Hand hält. Sein­er Frau Gina unter­sagt er eine Kar­riere als Sän­gerin und seine Kinder erin­nern sich an ihn als „mit­tel­stren­gen“, aber unberechen­baren Vater. „Er ist böse und schimpft, gle­ich darauf zieht er das Kind, dem er eben gegrollt hat, zärtlich an sich. Er schafft es, über alle Dummheit­en hin­wegzuse­hen, aber dann nervt ihn eine Winzigkeit…“
So entste­ht ein Porträt, das Georges Prêtre als vielschichtige Per­sön­lichkeit zeigt – als Musik­er, der Par­ti­turen liest wie andere Romane, als Men­sch, der sich mit Fra­gen der Tran­szen­denz befasst und die Antworten darauf in seinem tiefen Glauben find­et. Abgerun­det wird dies mit Erzäh­lun­gen von Wegge­fährten, die sich an ihre Begeg­nung mit Prêtre erin­nern, wie der langjährige Inten­dant der Bre­gen­z­er Fest­spiele, Alfred Wop­mann: „Er führt zwar einen Diri­gen­ten­stab, ist aber in Wahrheit selb­st der Diri­gen­ten­stab. Er ver­mit­telt seinen Willen über die Kör­per­sprache. Als Schaus­piel­er, Kör­perkün­stler, als Tanzmeis­ter bis zum Clown, der auf dem Orch­ester spielt wie auf ein­er Zauber­flöte.“
Irene Binal