Rampe, Siegbert

Generalbasspraxis 1600–1800

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2014
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 71

Mit der immensen Ver­bre­itung des Gen­er­al­bassspiels um und seit 1600 ist ein tiefer Ein­schnitt in der Musikgeschichte ver­bun­den, der nach Rie­manns Aus­druck vom Gen­er­al­basszeital­ter neue For­men des Musizierens sowie musikalis­che Gat­tun­gen wie die Oper her­vor­brachte. Der Autor beschreibt diese ein­schnei­dende Verän­derung als einen Wech­sel vom stren­gen Kon­tra­punkt zum Kern ein­er „Rhyth­mus­gruppe“, die, gemäß dama­liger Abbil­dun­gen, sich im Zen­trum des Ensem­bles postierte und von der die Ein­heit der Auf­führung, auch hin­sichtlich der Stim­mung, getra­gen wurde.
Sieg­bert Rampe, der schon als Koau­tor mit einem Werk zu Bachs Instru­men­tal­musiken promi­nent her­vor­ge­treten ist, gibt mit dem vor­liegen­den Buch eine Wis­sensver­mit­tlung für pro­fes­sionelle Gen­er­al­bassspiel­er, „die in der Lage sein müssen, aus­re­ichende Ken­nt­nis der Quellen mit der Fähigkeit, die stilis­tis­che Entwick­lung auf wis­senschaftlich­er Grund­lage auch prak­tisch darzustellen“. Das Buch gliedert sich nach Epochen von Früh­barock (1600–1650) über Barock bis zur Klas­sik und han­delt ein­heitlich die Quellen, das Instru­men­tar­i­um, Orna­men­tik und Impro­vi­sa­tion sowie rhyth­mis­che Merk­male ab. Aus­führlich wer­den die ein­schlägi­gen europäis­chen Quellen zitiert und analysiert. Sehr genau disku­tiert Rampe Abwe­ichun­gen von den Ton­satzregeln an konkreten Noten­beispie­len, etwa bei Bian­cia­r­di gele­gentliche Par­al­lel­bil­dun­gen oder unsys­tem­a­tis­che Stim­mzahler­weiterun­gen, die er in den ital­ienis­chen Quellen ver­stärkt aus­macht gegenüber den regelkon­for­men deutschen Trak­tat­en.
Das Buch begleit­et nicht nur fachkundig den Gen­er­al­bassspiel­er, es weist auch auf zahlre­iche Abwe­ichun­gen von den gängi­gen Vorstel­lun­gen hin, wie etwa die 7- bis 8-stim­mi­gen Aus­führun­gen im Spät­barock, woraus sich eine klan­gliche Fülle für die Inter­pre­ta­tion ergibt. Mit dem Höhep­unkt des Gen­er­al­bassspiels in der Barockzeit über­rascht nicht, dass sich hier beson­ders vir­tu­ose For­men her­aus­ge­bildet haben, die Rampe am Beispiel Gas­pari­nis, Heinichens und Johann Sebas­t­ian Bachs nach­weist; der Con­tin­uo-Spiel­er wird gle­ich­sam zum impro­visieren­den Kom­pon­is­ten. Aus Quellen Johann Friedrich Daubes und des Bach-Schülers Lorenz Christoph Mizler lässt sich eine „Begeg­nung der drit­ten Art“ rekon­stru­ieren, wenn Bach selb­st aus einem schlecht bez­if­fer­ten Bass ein ganzes Konz­ert impro­visierte. Sehr aus­führlich bespricht Rampe die einzel­nen Aspek­te dieser Vir­tu­osität, die er u.a. an Dis­so­nanzen­bil­dung, konz­er­tan­ten Par­tien und der Bil­dung von Gegen­stim­men aufzeigt. Allerd­ings wurde hier auch gele­gentlich die Gren­ze des guten Geschmacks ob der Über­laden­heit des Fig­uren­werks über­schrit­ten.
Mit der Klas­sik set­zt schließlich das his­torische Ende des Gen­er­al­basspiels an und damit ver­bun­den auch eine neue Dynamik, ein neuer Stil: Die Führung der Stim­mzahlen in der Aus­set­zung ver­lief nun unsys­tem­a­tisch und abhängig nach den dynamis­chen Erfordernissen der Affek­t­darstel­lung. Quantz wird hier als ein­drück­lich­es Beispiel eines dynamis­chen Con­tin­u­os erwäh­nt, wie eben­so Mozart, dessen Lüt­zow-Konz­ert von Rampe erst­mals aus­führlich­er als Quelle für den aus­notierten Gen­er­al­bass gewürdigt wird.
Stef­fen A. Schmidt