Kutschke, Beate

Gemengelage

Moralisch-ethischer Wandel im europäischen Musiktheater um 1700: Paris, Hamburg, London

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim
erschienen in: das Orchester 10/2017 , Seite 60

Kein ein­fach­es, kein ein­fach zu lesendes Buch hat Beate Kutschke vorgelegt und kein ein­fach­es The­ma hat die Autorin sich vorgenom­men. Ihre Ansätze und Def­i­n­i­tio­nen, et­wa den Begriff der „Sat­telzeit“* über die vom His­torik­er Rein­hart Kosel­leck chro­nol­o­gisch vertretene Über­gangszeit neu zu beset­zen, scheinen aus der Sichtweise der tra­di­tionellen mu­sik­historischen Forschung dur­chaus ge­wagt. Kutschkes für ihre Studie ver­wen­detes Mate­r­i­al allein lässt schon aufhorchen und lädt trotz anfänglich­er Eingewöh­nungsphase dur­chaus zu ein­er über lange Streck­en fes­sel­nden Lek­türe ein, um die „Gemen­ge­lage“ in allen Facetten men­tal­itäts­geschichtlich zu erkun­den.
Der Titel ver­meint das Zer­streute her­vorzuheben, wenn man ihn vorder­gründig aus der Kul­tur und Urbar­ma­chung von Feldern und Wäldern begreift. Vor dem Hin­ter­grund der neu zu ver­ste­hen­den „Sat­telzeit“ ver­weist er auch auf die unver­mutete Begeg­nung von zunächst weit Ent­fer­n­tem. Es geht dabei nicht nur um die Ein­sicht in Zusam­men­hänge in ein­er Phase der Trans­for­ma­tion, son­dern um die Er­kenntnis des Wan­dels von moralisch-­ethis­chen Anschau­un­gen, der sich expliz­it auf der Opern­bühne kund­tut, also um „neue ethis­che Perspek­tiven“ und „moralis­che Imper­a­tive“.
Kutschkes Ansätze zie­len weit über die auf das Fach Musik begren­zte geis­tes­geschichtliche Darstel­lung hin­aus. Angestrebt wird für die kom­plexe Ein­sicht in den Opern­be­trieb ein­er Über­gangsphase eine kul­turgeschichtliche Dimen­sion. Die Autorin erken­nt und arbeit­et die geistes- und men­tal­itäts­geschichtliche Bedeu­tung des europäis­chen barock­en Musik­the­aters am Beispiel von Paris, Ver­sailles, Ham­burg und Lon­don zusam­men­hangs­tif­tend her­aus. Musik wird nicht isoliert analysiert oder auf der Suche nach ihrer Ästhetik punk­tuell unter­sucht, son­dern als „Linse“ oder „Fil­ter“ genutzt, der über den „moralisch-ethis­chen Trans­for­ma­tion­sprozess“ über­raschende und überzeu­gende Auskun­ft geben kann.
Wesentlich für das Ver­ständ­nis sind neben philosophis­chen Grund­la­gen vor allem Erken­nt­nisse über kog­ni­tive Mech­a­nis­men und die Ein­sicht in das Phänomen der Analogie­bildung; dies statt der herkömm­lichen Inter­pre­ta­tion von musikalisch-rhetorischen Fig­uren etc. Was wann wo als „gut“ oder „schlecht“ gegolten hat, wie Wer­turteile sich gebildet haben und mit Emo­tio­nen verknüpft sind, dies wird her­aus­gear­beit­et, der Kom­plex des Natur­rechts und der Sit­ten­lehre an der Oper exem­pli­fiziert. Über­aus span­nend lässt sich mit Kutschkes Deu­tung­sh­in­weisen in den Ham­burg­er Gänse­mark­topern das verän­derte Treuekonzept und das entste­hende Konzept der Anerken­nung ver­fol­gen. Operngeschichte ein­mal mehr gegen den Strich gekämmt!
Iris Hilde­gard Winkler