Christoph Wagner

Geistertöne

Gespräche über Musik jenseits der Genregrenzen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2020
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 67

Die achtzehn Texte des Ban­des sind Inter­views bzw. basieren auf Gesprächen, die Christoph Wag­n­er seit 1997 mit Kom­pon­is­ten, Musik­ern, einem enzyk­lopädisch täti­gen Samm­ler und Pub­lizis­ten sowie einem musikalisch ambi­tion­ierten Architek­ten geführt hat. Den Titel­be­griff „Geis­tertöne“ über­nahm Wag­n­er aus seinem Text über Min­i­mal Music, wo er für die Klangvi­sio­nen ste­ht, denen Ter­ry Riley und sein Stu­di­en­fre­und LaM­onte Young exper­i­men­tierend auf der Spur waren.
Das Wort passt als Super­formel für das weite Spek­trum der außergewöhn­lichen Klang­wel­ten, die die porträtierten Kün­stler (darunter Chris­t­ian Wolff, George Crumb, Mered­ith Monk, Mor­ton Sub­ot­nik, Borah Bergman, John Tchi­cai, David Har­ring­ton) in ihren diversen musikalis­chen Kreatio­nen ent­fal­ten. Wag­n­er beschreibt dieses Spek­trum in der Ein­leitung des Buchs so: „Zwis­chen zeit­genös­sis­ch­er Kom­po­si­tion, mod­ern­er Impro­vi­sa­tion, Elek­tron­ik, avanciertem Rock, Acid-Folk und tra­di­tionellen Musiken der Welt wächst ein musikalis­ches Are­al, auf dessen Boden sich Archais­ches mit Avant­gardis­tis­chem, Pop­uläres mit Exper­i­mentellem verbindet, eigene mit frem­den Tra­di­tio­nen, Impro­vi­sa­tion mit Kom­po­si­tion und Grooves mit Loops – oft über Kon­ti­nente hinweg.“
Das „jen­seits der Gen­re­gren­zen“ im Unter­ti­tel meint also eine Aufwe­ichung oder gar Auflö­sung der beson­ders in der Vorstel­lungswelt arti­fizieller west­lich­er Kun­st­musik vorhan­de­nen Separierun­gen musikalis­ch­er Biotope wie U und E, Avant­garde, Jazz, Rock, Folk etc. Die in den Beiträ­gen vorhan­dene Vielfalt weit­et bzw. über­windet den eurozen­trischen Hor­i­zont und zeigt diverse Erschei­n­ungs­for­men von pro­duk­tiv­en Verbindun­gen unter­schiedlich­er Kulturkreise.
Wag­n­er grup­piert seine Texte in fol­gende sieben The­men­felder: Klangutopi­en, Avant­garde in der flüs­si­gen Mod­erne, Reduk­tion­is­mus, Elek­troträume, Jazz-Mod­erne, Afro-Futur­is­mus sowie Poly­fonie und Diver­sität. Mit durch­weg knapp gehal­te­nen Fra­gen bringt er seine Inter­view­part­ner dazu, mehr oder min­der einge­hend die Spez­i­fik ihrer musikalis­chen Arbeit darzustellen. Die Lek­türe ver­mit­telt viel­er­lei Ein­blicke in die Werk­stät­ten der einzel­nen Kün­stler. Zur Sprache kom­men ihre oft ver­schlun­genen Erfahrungswege, ihre ästhetis­chen Leitvorstel­lun­gen, ihre Part­ner­schaften mit anderen Kün­stlern und mit Insti­tu­tio­nen des inter­na­tionalen Musiklebens.
Die enorme Span­nweite der in diesem Band the­ma­tisierten Arten von Musik und musikalis­chen Prax­en bed­ingt unweiger­lich, dass sich in der Auswahl der Inter­view­part­ner sub­jek­tive Präferen­zen des Autors spiegeln. Ger­ade aber die mit Mut zur Sub­jek­tiv­ität aus­ge­bre­it­ete Diver­sität der vorgestell­ten Kün­stler und ihrer Musik macht die Lek­türe des Ban­des span­nend. Wer sich auf diese Vielfalt ein­lässt, wird viel Unbekan­ntes ent­deck­en, und wer die vie­len in den Inter­views genan­nten, fast alle im Inter­net zu find­en­den Mod­ell­stücke hört, weit­et seinen musikalis­chen Hor­i­zont in bis­lang uner­hörte Regio­nen aus.
Ulrich Mahlert