Winkelmann-Liebert, Holger

Geiger Meier

Ein Finale furioso

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: BoD Books on Demand, Norderstedt 2012
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 67

„Geiger Meier“ war einst Konz­ert­meis­ter seines Orch­esters, ver­lor wegen sein­er Alko­hol­sucht seine Stelle, trat erneut zum Probe­spiel an und absolvierte es so glänzend, dass er wieder engagiert wurde – allerd­ings nun am 5. Pult der 1. Geigen. Dort spielte er bis zu sein­er Pen­sion­ierung. Nun kämpft er darum, als Aushil­fe weit­er mit­spie­len zu dür­fen. Doch sowohl die Gruppe der 1. Geigen als auch Diri­gent und Inten­dant sind dage­gen. Für Meier, der sich ger­ade einen neuen Frack gekauft hat, bricht eine Welt zusam­men: Er erlei­det einen Ner­ven­schock, nimmt keine Nahrung mehr zu sich und stirbt entkräftet.
Meier ist ein Men­sch, der ganz und gar für die Musik lebte – woran sog­ar seine Ehe zer­brach. Nach Über­win­dung sein­er Trunk­sucht lebte er enthalt­sam, auch was Frauen betraf. Sein einziges Glück waren die Konz­erte, wie das let­zte, das er mit­spie­len darf, mit Bruck­n­ers 9. Sym­phonie. Ein Leben ohne Geigen­spiel ist für ihn kein Leben. Doch dieses Leben im Orch­ester ist für ihn auch eine Qual: Eigentlich sieht er sich als Konz­ert­meis­ter, der er ein­mal war. Dass nun ein Russe Konz­ert­meis­ter ist, miss­fällt ihm. Dass nun Frauen im Orch­ester mit­spie­len, was in seinen jun­gen Jahren noch unmöglich war, miss­bil­ligt er. Er ist aus­län­der- und frauen­feindlich. Die Autorität des Diri­gen­ten und die des Konz­ert­meis­ters erken­nt er nicht an, wählt Stricharten und Artiku­la­tio­nen, wie er es für richtig hält. Kun­st, schreibt Hol­ger Winkel­mann-Liebert, „ver­langt Selb­stern­iedri­gung“. Doch dage­gen kämpft Geiger Meier, wenn auch verge­blich, und stirbt. Dass sein Wider­sach­er, Konz­ert­meis­ter Stepanow­itsch, Selb­st­mord wegen der Diag­nose Lun­genkrebs bege­ht, erfährt Meier nicht mehr.
Das Orch­ester ist in Hol­ger Winkel­mann-Lieberts Roman ein Ort des Has­s­es, ein­er gnaden­losen Hier­ar­chie, ein­er fast mil­itärischen Unterord­nung (der Titel Geiger Meier spielt auf das mil­itärische „Gefre­it­er Müller“ an) und eines fast unerr­e­ich­bar hohen Leis­tungsanspruchs. Das einzige Pos­i­tive, was der Leser erfährt, ist das Glück Win­fried Meiers, wenn er auf dem Podi­um sitzend bei der Bruck­n­er-Sym­phonie mit­spielt, und die Freude über den Kauf seines neuen Fracks.
Der Roman ist span­nend geschrieben. Es zieht den Leser in den Sog der psy­chis­chen Abgründe, die sich hin­ter der glänzen­den Fas­sade eines Orch­esters öff­nen. Alter, Aufhören­müssen und nicht kön­nen, nicht mehr auf der Höhe der Zeit sein, nicht den Wan­del des Orch­esters, seine Öff­nung für Frauen und den glob­alen Musik­er­markt, mitvol­lziehen zu kön­nen, sind wichtige The­men, die hier anklin­gen. Es ist ein erschüt­tern­des Buch, da hier die Größe der Musik und die Kleingeistigkeit der Men­schen, die sie her­vor­brin­gen, so sehr ausein­derk­laf­fen. Aber eine Frage stellt sich der Leser schon: Warum wollte der Geiger Meier nicht so wie sein Fre­und ein entspan­nter Pen­sion­ist wer­den, wenn er schon so unter seinen Orch­esterkol­le­gen litt? Doch Büch­er, die Fra­gen offen lassen und zu weit­erem Denken anre­gen, hallen beson­ders lange nach.
Franzpeter Messmer