Annette Becker

Geborgen im Klang

Das neue Casals Forum in Kronberg im Taunus begeistert Musiker:innen und Publikum

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 01/2023 , Seite 40

Sanft schmiegt sich der neue Konzertsaal um die Musik. Und öffnet sich dabei zugleich zur Welt. Hellbraunes Holz, geschwungene Formen und große Glasflächen prägen die Optik des großen Saals im Casals Forum in Kronberg. Warm wirkt er, und warm klingt er. Hinausschauen kann man aber auch, geborgen im Klang und doch frei. Nach nur fünf Jahren Bauzeit wurde das Casals Forum der Kronberg Academy am 24. September 2022 im Rahmen des Kronberg Festivals eröffnet. Es vereint einen Konzertsaal mit 550 Sitzplätzen, einen Kammermusiksaal mit rund 130 Sitzplätzen sowie einen Vorspielraum für bis zu 50 Personen – die beiden Letzteren integriert in das angegliederte Studienzentrum, in dem bis zu 35 junge Ausnahmetalente in den Hauptfächern Violine, Bratsche, Violoncello und Klavier-Kammermusik unterrichtet werden.
Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der 1993 gegründeten Kronberg Academy, deren Ausbildung vor allem bei jungen Streicher:innen weltweit höchsten Ruf genießt, freut sich. Eine Vision sei Wirklichkeit geworden. „Wir haben ein neues Zuhause für die Musik. Hier entsteht Musik, sie reist nicht einfach durch.“ Ganz im Sinne von Pablo Casals (1876–1973), dem Namensgeber des Neubaus, dessen musikalischem und humanistischem Erbe sich die Kronberg Academy seit Anbeginn verpflichtet fühlt. Gemeinsam betonen Raimund Trenkler und Friedemann Eichhorn, der künstlerische Leiter der Akademie: „Alles, was hier gelernt, gelebt und glänzend dargeboten wird, soll sein Credo beherzigen: Wir alle, auch Künstler und Publikum, tragen Verantwortung für Musik, Mensch und Erde.“
Dies zeigt sich auch in der Verbindung von ästhetischem und akustischem Anspruch mit Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit: Dank einer Eisspeichertechnologie kann der vom Team um Architekt Volker Staab und Akustiker Martijn Vercammen konzipierte Neubau CO2-neutral klimatisiert und betrieben werden. Unterstützt wurde dies laut Kulturstaatsministerin Claudia Roth vom Bund mit mehr als 26 Millionen Euro. Das Land Hessen steuerte 8,75 Millionen Euro bei und fördert die Kronberg Academy Stiftung mit jährlich 250000 Euro, erläutert Angela Dorn, die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst.
So konnte ein Gesamtkunstwerk entstehen, das sich nicht nur optimal in die Kronberger Musiklandschaft fügt, sondern auch in die hügelige Topografie der Taunusstadt und den nahen Viktoriapark. Und das Innenleben sucht seinesgleichen. „Beim Konzertsaal selbst hat uns besonders interessiert, wie sich das Konzerterlebnis, das aus akustischem und visuellem Erleben besteht, räumlich und atmosphärisch übersetzen lässt“, erklärt Volker Staab. Ergebnis ist eine gelungene Synthese aus Weinbergsaal wie in Hans Scharouns Berliner Philharmonie und einer rechteckigen Saalform wie beim Wiener Musikverein, die den Klang optimal bündelt – solistisch, kammermusikalisch und beim Kammerorchester mit bis zu 60 Personen.
Dies zeigte sich bereits in den ersten Akustik-Proben am 23. und 24. Mai 2022 mit dem Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von François Leleux. Hoch erfreut waren die Orchestermitglieder angesichts der atmosphärischen und klanglichen Qualitäten des Raums. Größe und Klang seien ideal für die Kammermusik, warm, aber transparent, und unterstrichen die Schönheit jedes Instruments, so einige Stimmen aus dem Kurzfilm Das Casals Forum klingt der Kronberg Academy. Öffentlich zu erleben war dieser Genuss dann vom 24. September bis 3. Oktober beim Kronberg Festival zur Eröffnung des Casals Forums in einem dichten Programm mit hochkarätigen Gästen wie Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica, aber auch Entdeckungen wie Abel Selaocoe mit Violoncello und Gesang. Auch innovative Projekte waren vertreten wie das Bridges Kammerorchester, das in Frankfurt ansässige Ensemble aus internationalen Musiker:innen, viele davon Geflüchtete, das nun in Kronberg als Orchestra in Residence debütierte. Johanna-Leonore Dahlhoff, Flötistin und künstlerische Leiterin des Bridges Kammerorchesters, bestätigt: „Man hört sich auf der Bühne sehr gut, der Klang trägt. Ich konnte mehr und weniger machen, zum Beispiel sehr leise spielen, aber der Raum verträgt auch ein Forte.“
Und die Kronberg Academy plant weiter. Als nächstes soll auf dem Gelände ein Studierendenwohnheim entstehen, damit die Absolvent:innen kompakter leben und auf ihren Instrumenten üben können, anders als aktuell in ihren privaten Zimmern oder Wohngemeinschaften. Was vor knapp vierzig Jahren in den verwinkelten Gassen der Kronberger Altstadt begann, ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht und lockt nun auch mit attraktiver Lage und guter Anbindung – direkt am Kronberger Bahnhof, Beethovenplatz 1; abends sogar mit Konzertzeiten, die auf die Ankunftszeiten der S4 von Frankfurt am Main nach Kronberg abgestimmt sind. Das nächste große Festival der Kronberg Academy findet vom 7. bis 14. Mai statt. Der Titel: „Chamber Music Connects the World 2023“.