Yammine, Georges

Funkelnde Hoffnung

Das West-Eastern Divan Orchestra und die Kraft sder Musik, hg. von Daniel Barenboim

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Corso, Wiesbaden 2014
erschienen in: das Orchester 01/2015 , Seite 68

Ein Orch­ester, das Brück­en schlägt, das Men­schen zusam­men­führt, die einan­der andern­falls wohl kaum je begeg­net wären, schon gar nicht miteinan­der musiziert hät­ten: Das West-East­ern Divan Orches­tra, 1999 in Weimar vom Pianis­ten und Diri­gen­ten Daniel Baren­boim und dem amerikanisch-palästi­nen­sis­chen Lit­er­atur­wis­senschaftler Edward W. Said gegrün­det, macht das schein­bar Unmögliche möglich, es vere­int israelis­che und ara­bis­che Musik­er und lässt sie in der Musik ihre Gemein­samkeit­en ent­deck­en. Ein­er dieser Musik­er ist der libane­sis­che Geiger Georges Yam­mine, der die Arbeit des Orch­esters über viele Jahre hin­weg fotografisch doku­men­tiert und diese Fotos nun in einem Bild­band veröf­fentlicht hat.
Dabei erweist sich Yam­mine als tal­en­tiert­er Fotograf. Seine in kon­se­quentem Schwarz-Weiß gehal­te­nen Bilder fan­gen kleine Szenen abseits der großen Büh­nen ein, Proben in der Garder­obe, Gespräche in den Pausen, ver­trauensvolle Gesten zwis­chen den Musik­ern. Ein Klar­inet­tist übt lang aus­gestreckt auf ein­er Couch, ein Geiger ist in seine Noten ver­tieft, im kleinen Kreis wird impro­visiert und in Sevil­la darf auch ein kleines Mäd­chen sich mal an der Pauke ver­suchen. Yam­mines Bilder sind intim, ohne sich voyeuris­tisch zu geben, sie ges­tat­ten Ein­blicke in den All­t­ag eines Orch­esters, in dem es ganz beson­ders um das Miteinan­der geht, darum, kul­turelle und poli­tis­che Gren­zen mit Hil­fe der Musik zu über­winden.
Denn diese Gren­zen sind wohl spür­bar und wer­den von den Musik­ern auch offen the­ma­tisiert. „Sie  disku­tieren in pro­duk­tiv­er Heftigkeit über die Sit­u­a­tion im Nahen Osten“, schreibt die Musik­wis­senschaft­lerin Julia Spin­o­la in der Ein­leitung, „blick­en gemein­sam […] in die tiefen Gräben, die zwis­chen ihren Überzeu­gun­gen ver­laufen, und ver­tiefen sich anschließend nebeneinan­der in eine Sym­phonie.“ Und manch­mal gehen sie auch Risiken ein, etwa bei einem Konz­ert in Ramal­lah im Jahr 2005, das trotz der heiklen poli­tis­chen Lage auf großes Inter­esse stieß. Ziel des Orch­esters ist es, in sämtlichen Herkun­ft­slän­dern der Musik­er aufzutreten, in Israel und den Palästi­nenserge­bi­eten, in Syrien, Jor­danien, Ägypten oder der Türkei. Ein ambi­tion­iertes Vorhaben, an das Daniel Baren­boim fest glaubt. „Musik ist eine uni­ver­sale Sprache“, meint er im Inter­view am Schluss des Buch­es, „und Feind­schaft gehört nicht zu ihrem Wortschatz.“
Und so ist das West-East­ern Divan Orches­tra ein Fanal für Tol­er­anz, für ein Miteinan­der über tiefe, poli­tis­che Gräben hin­weg. In Georges Yam­mines Bildern wird dieses Miteinan­der spür­bar, eben­so wie die große Verehrung, die die Orch­ester­mit­glieder ihrem ver­stor­be­nen Grün­der Edward W. Said ent­ge­gen­brin­gen: Auf einem Noten­pult lehnt über der Par­ti­tur das Buch The Edward Said Read­er, eine Auf­nahme aus der Carnegie Hall in New York: „Edward Said reist immer mit.“ Und auch Edward Saids Botschaft für gegen­seit­i­gen Respekt und ein kreatives Miteinan­der reist mit und bildet die Grund­lage der gemein­samen Arbeit der Musik­er. „Man wird“, meint Daniel Baren­boim, „ihnen zuhören müssen.“
Irene Binal