Baur, Jürg

Fünf polyphone Miniaturen

für Bratschen- oder Violenquartett, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 62

Stücke für Ensem­bles iden­tis­ch­er Instru­mente üben seit jeher eine beson­dere Fasz­i­na­tion aus: sei es wegen der Homogen­ität des Klangs, die einen beson­deren Fokus auf die Stimm­führung, auf Har­monien und Dynamik erlaubt; sei es wegen der Möglichkeit der Her­ausar­beitung vielfältiger Schat­tierun­gen der spez­i­fis­chen Klang­far­ben des jew­eili­gen Blas- oder Stre­ichin­stru­ments. Let­zteres ste­ht nur schein­bar im Wider­spruch zur Uni­for­mität der Instru­menten­gruppe, denn jed­er Kom­pon­ist, der für drei, vier oder mehr gle­ichar­tige Instru­mente schreibt, wird sich darum bemühen, seine Kom­po­si­tion nicht zu mono­chrom oder zu eingeengt im Ton­raum erscheinen zu lassen.
Jürg Baurs Minia­turen sind ein­er­seits sehr stark auf den Bratschen­klang aus­gerichtet, ander­er­seits ste­ht die vir­tu­ose Auf­fächerung dieses spez­i­fis­chen Tons nicht im Zen­trum der fünf knap­pen Sätze. Gefragt ist eine robuste, dynamisch bre­ite und im Ensem­ble geschlossene Klangerzeu­gung, die beim Zuhör­er die Wahrnehmung ein­er Ein­heit ermöglicht. Akko­rdis­che Pas­sagen nutzen den sonoren Klang der Vio­la, bewegtere die klare und kon­turen­scharfe Zeich­nung. Kaum je geht der Kom­pon­ist hier über tech­nis­che Anforderun­gen hin­aus, wie sie im klas­sis­chen Orch­ester­reper­toire abge­bildet sind, und nur sehr vere­inzelt wer­den beson­dere Effek­te wie ein Glis­san­do, Fla­geo­letts oder Dop­pel­griffe einge­set­zt.
In den 1998 enstande­nen Poly­pho­nen Minia­turen bezieht sich Jürg Baur durch die Vierzahl der Instru­mente möglicher­weise eben­so sehr auf das klas­sis­che Stre­ichquar­tett, wie die Wahl der Vio­la die Nä­he zum im englis­chen Barock stil­prä­gend gewor­de­nen Violen-Con­sort nahele­gen mag. Mehr oder weniger gle­ich­berechtigt agieren die vier Stim­men, Imi­ta­tio­nen sug­gerieren auf kleinem Raum Durch­führungsar­beit und solis­tis­che Alle­ingänge (zum Beispiel in der ersten Stimme) bleiben auf ein Min­dest­maß beschränkt.
Kon­traste erar­beit­et Baur nicht allein durch die unter­schiedlichen Grundtem­pi, die durch zahlre­iche Tem­pov­erän­derun­gen in der Bin­nen­struk­tur erweit­ert wer­den. Eben­so wird die jew­eils über­ge­ord­nete klan­gliche Struk­tur (mal akko­rdisch, mal von feineren Lin­ien geprägt) durch Sforza­to-Effek­te, Pizzi­cati oder das tak­tweise Her­aus­lösen einzel­ner Stim­men ergänzt.
Es gelingt dem Kom­pon­is­ten, diese Kon­traste auf eng­stem Raum unterzubrin­gen: Im Durch­schnitt nehmen die einzel­nen Minia­turen ger­ade ein­mal vier über­sichtliche Par­ti­tur­seit­en ein. Darauf bringt Jürg Baur aber dur­chaus vier bis fünf kon­trastierende Episo­den unter. Fast darf man von einem poly­fo­nen Klangkon­den­sat sprechen, das die vier Musik­er hier herzustellen haben – kristal­lk­lar im Ton und äußerst trennscharf in der Lin­ien­führung.
Daniel Knödler