Bella Kalinowska/ Semjon Kalinowsky

From Jewish Life

Bearbeitungen für Viola (Violoncello) und Orgel

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 69

Das Musik­ere­hep­aar Bel­la Kali­nows­ka und Semjon Kali­nowsky wid­met sich in seinen Konz­erten und als Her­aus­ge­ber der Ent­deck­ung vergessen­er Kom­po­si­tio­nen. Dabei ist jüdis­che Musik ein Schw­er­punkt ihrer Arbeit. Nach dem Band Jew­ish Prayer (2015) veröf­fentlichen sie nun Werke jüdis­ch­er Kom­pon­is­ten des 19. und 20. Jahrhun­derts unter dem Titel From Jew­ish Life in ein­er Bear­beitung für Vio­la und Orgel. Viele dieser Werke wur­den ursprünglich für Vio­lon­cel­lo kom­poniert, weshalb auch eine Stimme für dieses Instru­ment mit­geliefert wird.
Abge­se­hen von den bei­den Werken Rav­els und Blochs stam­men die meis­ten Kom­po­si­tio­nen aus der Fed­er heute nahezu unbekan­nter Autoren. Wer ken­nt schon Leo Zeitlin, Samuel Alman, Joachim Stutschewsky, Fer­nand Gus­tave Halphen oder Lud­wig Mendelssohn? Achim Seip informiert im Vor­wort pro­fund über die Kom­pon­is­ten und über die Bedeu­tung der Orgel in der Syn­a­gogen­musik des 19. und begin­nen­den 20. Jahrhun­derts. Dass die Rolle der Orgel in der jüdis­chen Musik heute kaum bekan­nt ist, hat sicher­lich auch seine Ursache darin, dass in der Pogrom­nacht 1938 etwa 200 Syn­a­gogenorgeln ver­nichtet wurden.
Die einzel­nen Stücke zeigen unter­schiedliche Aspek­te jüdis­chen Musik­lebens. So ver­ar­beit­et Eli Zion von Leo Zeitlin eine Volk­slied­melodie qua­si in der Form ein­er Tondich­tung en minia­ture: Die Tem­powech­sel vom Largo am Anfang zum Poco ani­man­do, zum Qua­si recitan­do und Maestoso beze­ich­nen unter­schiedliche Charak­tere, die dem Spiel­er eine große Band­bre­ite an musikalis­ch­er Gestal­tungskraft abfordern.
Rav­els Kad­disch, ursprünglich für Stimme kom­poniert, ist hier in der Bear­beitung für Vio­la bzw. Vio­lon­cel­lo ein hoch emo­tionaler Gesang ohne Worte, was eben­so für Blochs ursprünglich für das Cel­lo kom­poniertes Prayer und Halphens Andante reli­gioso gilt, das Gebetsmelo­di­en aus der Paris­er Syn­a­goge ver­tont. Almans Haf­tarah hat tra­di­tionelle Bezüge zur hebräis­chen Bibel­rez­i­ta­tion, weshalb der Kom­pon­ist Schriftze­ichen des Mit­te­lal­ters ver­wen­det. Stutschewskys Sechs israelis­che Melo­di­en entsprechen am meis­ten dem Titel dieser Samm­lung: Sie spiegeln jüdis­ches Leben in kurzen, charak­ter­is­tis­chen Stück­en in ein­er mod­er­nen, an Hin­demith erin­nern­den Ton­sprache. Am Schluss der Samm­lung ste­ht Kol Nidre von Lud­wig Mendelssohn, einem fer­nen Ver­wandten des berühmten Felix Mendelssohn Bartholdy, das in sein­er Inten­sität dur­chaus gegenüber Max Bruchs Ver­to­nung beste­hen kann.
Die Her­aus­ge­ber denken mit ihrer Aus­gabe für Vio­la und Orgel sicher­lich an Kirchen und Syn­a­gogen als Auf­führung­sort. Die Vio­la-Stimme lässt sich zumeist in tech­nis­ch­er Hin­sicht dur­chaus auch von fort­geschrit­te­nen Laien bewälti­gen. Doch um den großen Aus­druck­sre­ich­tum dieser Musik zu Gehör zu brin­gen, bedarf es hoher Meis­ter­schaft, weshalb viele dieser Stücke auch für den Konz­ert­be­trieb geeignet sind. Auf jeden Fall eine wertvolle Bere­icherung des Viola-Repertoires.
Franzpeter Messmer