Peter Kamber

Fritz und Alfred Rotter

Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 84

Sie waren die Könige der Operette, nicht nur in Berlin. Doch ihr Thron stand auf wack­li­gen Füßen, denn fast alles, was sie mit ihren The­atern ver­di­en­ten, ver­spekulierten Fritz und Alfred Rot­ter gle­ich wieder an der Börse. Doch weniger ihre Schulden als vielmehr der sich stetig ver­schär­fende Anti­semitismus nicht nur der Nazi-Presse trieb sie außer Lan­des. Das ist, zuge­spitzt, die These, die der Zürcher His­torik­er Peter Kam­ber in seinem Buch präsen­tiert. Sie ist nicht neu, aber an diesem Beispiel überzeu­gend und schaud­ern machend zu ver­an­schaulichen. Wohlweis­lich legten die Brüder ihren Geburt­sna­men „Schaie“ ab, bevor sie sich auf den Kar­ri­ereweg macht­en, der Name sollte ihnen vielfach in den Het­zartikeln wieder­begeg­nen. Doch soweit ist es noch nicht, denn die Rot­ters starteten mit­ten hinein in die soge­nan­nten Gold­e­nen Zwanziger und noch dazu im Genre der Operette. Da gibt es Glanz und Glo­rie, Stars und Sto­rys zu erzählen und Kam­ber tut das wei­dlich. Mas­sary, Tauber, Lehár sind die „It“-Namen dieser Zeit, und man erfährt eine Menge.

Flir­rend und amüsant kommt nicht nur die Operette, son­dern auch das Buch daher. Immer wieder schlägt Kam­ber Merk­sätze ein, wie Alfred Rot­ters Cre­do, das Pub­likum komme in die Operette, um zu weinen. Zu Infla­tion­szeit­en gab es Richard Tauber für 90 Pfen­nig zu erleben. Das liest sich so weg, bis es mit dem „Glauben­skrieg“ der großen The­aterkri­tik­er um die leichte Muse inter­es­sant wird. Her­bert Jher­ing spießte gern den „Rot­ter­geist“ auf, ihr Meti­er sei das „Hofthe­ater der Rev­o­lu­tion­s­gewin­ner“. Nicht weniger böse Alfred Kerr: „Der Rot­ter wächst mit seinen größeren Zweck­en.“ Doch „das Ergeb­nis jahre­langer inten­siv­er Recherche“ Kam­bers, wie der Klap­pen­text lobt, hat auch seine Schat­ten­seit­en. Selb­st bekan­nteste Operetten stellt er aus­führlich wie ein The­ater­führer vor. Zitate wer­den nicht konzen­tri­ert, son­dern oft unnötig aus­ge­bre­it­et. Dage­gen bleibt das Tun und Tra­cht­en der „The­ater­polizei“ unerk­lärt. Und Fritz Rot­ter wird noch ein­mal als „Perück­en­grete“ geoutet, es fehlt fast nur die Klei­der­größe. Zur Geschichte trägt das nichts bei. Und so kommt Kam­ber erst nach 370 Seit­en Glanz und Krisen zum mörderischen Ende. „Volksgenossen“ wollen die nach Liecht­en­stein Geflo­henen 1933 „heim“ holen, ein Über­fall samt Waf­fen war vor­bere­it­et; viele Zeitun­gen leis­teten mit Het­zkam­pag­nen („Schädlinge“, „The­ater­ju­den“) Bei­hil­fe. Das alles erzählt Kam­ber, als hätte er daneben ges­tanden. Schließlich wer­den Alfred und Gertrud Rot­ter auf ein­er Wiese tot­geschla­gen, Fritz Rot­ter kann fliehen, stirbt 1939 in Col­mar. Ver­di­en­stvoll, dass die üble Rolle der Jus­tiz her­aus­gestellt wird, die die Mörder zu Mini- Strafen verurteilt und fix beg­nadigt. Doch ins­ge­samt ist Peter Kam­ber oft zu nah dran, fügt der hässlichen Zeit­stim­mung Speku­la­tio­nen, auch mal Banal­itäten bei, die das Gesamt­bild eher schwächen.

Ute Grund­mann