Eva Batt

Frieden finden – irgendwo?

Für Kontrabass solo

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Gilgenreiner Verlag
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 67

Wie das vor einiger Zeit veröf­fentlichte Duett Wind strich eine Schat­ten­melodie für Vio­line und Kon­tra­bass ist auch das Kon­tra­bass-Solostück Frieden find­en – irgend­wo? von Eva Batt (*1965) von einem Gedicht der Autorin Chris­tiane Schwarze inspiri­ert. Dabei ist, wie die Kom­pon­istin im Vor­wort erläutert, die Musik nicht im Sinne ein­er Ver­to­nung des lyrischen Gebildes zu ver­ste­hen, son­dern Musik und Gedicht ent­standen vielmehr zur sel­ben Zeit in einem koor­dinierten Arbeit­sprozess und unter wech­sel­seit­iger Beeinflussung.
Impuls für bei­de kün­st­lerische Aus­drucks­for­men war wiederum ein Natur­erleb­nis, näm­lich „die ein­drück­liche Land­schaft der Lüneb­urg­er Hei­de“, ins­beson­dere das südöstlich von Schn­everdin­gen gele­gene Piet­z­moor und dessen Wahrnehmung als „indi­vidu­eller Ort des Friedens“.
Batt nutzt die her­vorstechen­den Qual­itäten des tiefen Stre­ichin­stru­ments – seine Ton­fülle und den von den Fun­da­ment­tö­nen bis in höhere Lagen und zu Fla­geo­letts reichen­den Ton­um­fang – und stat­tet sie durch Ein­satz aus­gewählter mod­ern­er Spiel­tech­niken mit beson­deren Farb­w­erten aus. Ziel der Kom­pon­istin ist es – und damit wird im Grunde die in Schwarzes Versen zu find­ende Rei­hung poet­is­ch­er Gedanken in den Phänomen­bere­ich der Musik über­tra­gen –, eine Abfolge wech­sel­nder „Klan­gat­mo­sphären“ von unter­schiedlich­er Dauer und Inten­sität zu schaf­fen. Diese Abfolge lässt sich als Prozess der Suche wahrnehmen, der über unter­schiedliche Sta­di­en ver­läuft: Eine Pizzi­ca­to-Tex­tur aus Melodie und Begleitung ist da beispiel­sweise gle­ich zu Beginn zu vernehmen, agogisch angere­ichert durch die unbes­timmten Hal­tepunk­te kurz­er Fer­mat­en und abrupt been­det vom Ein­satz eines markan­ten „con fuoco“-Abschnitts, dessen Sforza­ti sich in einige mit dem Bogen geschla­gene Aktio­nen und mit der Faust der linken Hand auf dem Instru­mentenko­r­pus markierte Schläge hinein fortsetzen.
An ander­er Stelle find­en sich Ele­mente wie kantabel vorzu­tra­gende melodis­che Gedanken, rhyth­mis­che Pat­terns, deren gle­ich­mäßiger Achtel­duk­tus durch „rubato“-Vortrag unter­laufen wird, dreis­tim­mige Akko­rde, die im „dram­mati­co“- Ges­tus förm­lich aus den Sait­en her­aus­ge­meißelt wer­den müssen, eine im „mis­te­rioso“ verbleibende Dop­pel­griff­pas­sage oder ein „appas­sion­a­to“ vorzu­tra­gen­der Sech-zehn­telschwall, der von gele­gentlichen Sechzehn­tel­pausen durch­schnit­ten ist.
All dies und noch viel mehr vol­lzieht sich – und darin liegt die Her­aus­forderung für Inter­pre­ten und Inter­pretinnen – über­gangs­los, in Gestalt über­raschen­der Wech­sel und irri­tieren­der Brüche, immer wieder unter­strichen durch sug­ges­tive Vor­tragsan­weisun­gen, die auch genü­gend Zeit lassen, um den Klan­gent­fal­tun­gen und den Res­o­nanzen des Instru­ments nachzuspüren.
Wenn Batt im Schlussab­schnitt des Stücks dann zu Aus­druck und Har­monik des Beginns zurück­find­et, stellt sich nach all den zwis­chen­liegen­den Sta­tio­nen doch ein gewiss­es Gefühl von Heimkehr ein, auch wenn es – das Frageze­ichen im Werk­ti­tel ver­weist darauf – let­zten Endes trügerisch bleibt.
Ste­fan Drees