Wernli, Andreas

Frequenzen #03

Wolfgang Amadeus Mozart: "Der Welt ein Wunder verkündigen...". Galimathias musicum KV 32 / Kassation G-Dur KV 63 / Les petits riens KV 299b, mit CD

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rüffer + Rub, Zürich 2005
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 75

Hören geht schneller als lesen. Das muss nicht erläutert wer­den, weil das jed­er aus dem All­t­ag ken­nt, aber darin ver­birgt sich eine Grund­prob­lematik der Musik und beson­ders der Musik­wis­senschaft. Auch Musik spie­len geht schneller als Musik schreiben. Das ist ein Grund­prob­lem des Kom­ponierens, das jed­er, der Musik notiert, erst ein­mal lösen muss. Tex­ter­läuterun­gen zu einem Alle­gro-Satz mitzule­sen, während die Musik abläuft, ist daher unmöglich.
So ist Andreas Wern­lis Ansatz, Mozarts Musik Sekunde für Sekunde zu beschreiben, zwar löblich in sein­er beflis­se­nen Genauigkeit und gut gemeint im Sinne eines „Musik gehört und erklärt“-Programms, aber ins­ge­samt eher beden­klich. Es sug­geriert etwas, was es nicht hal­ten kann. Zumal sich diese Pub­lika­tion zum Mozart-Jahr – ein weit­ge­hend kom­pe­tent geschriebenes und mod­ern aufgemacht­es Buch in der Rei­he Fre­quen­zen, die sich bish­er nur mit mod­ern­er Musik befasste – an Leser ohne musikalis­che Grund­ken­nt­nisse wen­det. Wer sich aber im Laufe seines Lebens über­haupt keine musikalis­che Basis zu erwer­ben befleißigt hat, wird auch nicht die Geduld auf­brin­gen, ein solch­es Buch-Musik-CD-Unternehmen in irgen­dein­er Weise wirk­lich ver­ste­hend zu rezip­ieren. Kurz: Noten lesen ler­nen ist min­destens genau­so müh­sam, wie das Lesen dieser Werkkom­mentare, die vorgeben, es „leicht“ zu machen.
Worin beste­ht nun die Beson­der­heit dieser Veröf­fentlichung? Sie stellt vor und erk­lärt drei wenig bekan­nte Werke des jun­gen Mozart, den bun­ten „Strauß ver­schieden­ster kurz­er Musik­stücke“ mit dem Titel Gal­i­math­ias musicum KV 32, die Kas­sa­tion G‑Dur KV 63 und das „halbe Bal­lett“ aus Paris, Les petits riens KV 299b. Nach einem kurzen biografis­chen Abriss wer­den Entste­hungs­geschichte und ‑umstände anhand der Briefe der Fam­i­lie Mozart und ander­er Quellen his­torisch genau dargestellt. Sodann wer­den diese Werke anhand ein­er mit­geliefer­ten CD (Zürcher Kam­merorch­ester unter Howard Grif­fith) in drei „Hörgän­gen“ wortre­ich, aber ohne klin­gende Musik­beispiele außer den Gesam­tauf­nah­men in Lese­tex­ten analysiert, und zwar nach Zei­tangaben des Ton­trägers. Verzichtet wird dabei auf Tak­tangaben und Noten­beispiele. Man set­zt kein­er­lei Notenken­nt­nisse voraus.
Das liest sich dann etwa so (Hör­gang 1): „0’01: Das Stück begin­nt mit einem laut­en Akko­rd­schlag in allen Instru­menten: D‑Dur, die Grund­tonart wird vorgestellt, wie es sich gehört, 0’02 gefol­gt von einem tiefer liegen­den Wirbel in den 1. Vio­li­nen. Das Ganze nochmals, dies­mal spie­len die 1. Vio­li­nen den Wirbel etwas höher und die 2. Vio­li­nen begleit­en unten­dran – eine Steigerung, aber inner­halb des einen Akko­rds. 0’04 fol­gen vier Akko­rd­schläge – das >eins, zwei, drei, vier des Viervierteltak­ts; sie schließen diesen Anfang ab. Er wird 0’06 nochmals genau gle­ich wieder­holt […] Und wenn sie [die Vio­li­nen] 0’13 ihren höch­sten Ton erre­icht haben – ein d, den Grund­ton dieser Tonart –, wer­den auch die Bratschen und Bässe vom Auf­flug­ef­fekt erfasst und sausen in die Höhe, um 0’14 durch den Klan­graum niederzusteigen und 0’17 auf einem neuen Akko­rd zu lan­den (A‑Dur), gegen den die Vio­li­nen noch zweimal anren­nen, bis er zum Still­stand kommt…“
Der Musikken­ner ahnt, was gemeint sein kön­nte und legt die Stirn doch unen­twegt in Fal­ten. Wie soll der Ablauf ein­er musikalis­chen Form ver­standen wer­den kön­nen mit Sekun­de­nangaben? Und der musikalis­che Anfänger wird fra­gen: Was ist ein „neuer Akko­rd“? Was eine „Grund­tonart“, was ist D‑Dur, was A‑Dur, was ein „Viervierteltakt“, was ist ein „Wirbel“? Und was zum Henker sind „Bratschen“??
Man fragt sich let­ztlich, was hier eigentlich erk­lärt wer­den soll – und wem? Für Musikschüler – solche soll es ja immer noch geben, die ler­nen, Geige, Klavier oder Gitarre nach Noten zu spie­len – ist dieses Buch unbrauch­bar, da die Erk­lärun­gen musikalisch unge­nau sind und allein vom Hörein­druck aus­ge­hen. Selb­st geübte Ohren täuschen sich gele­gentlich: Wie erst ein unbe­darfter Anfänger? Für Erwach­sene ohne musikalis­che Ken­nt­nisse wer­den mehr Fra­gen aufge­wor­fen, als Antworten gegeben wer­den. Als Lese­buch für Musik­fre­unde mit weni­gen, tra­di­tionell geschul­ten Musikken­nt­nis­sen taugt es genau­so wenig, da es gän­zlich auf das verzichtet, was die Basis jedes Erklin­gens klas­sis­ch­er Musik ist: ihre abstrak­te Ver­schriftlichung in Form von Noten. Diese, notabene, hat ihr nicht zulet­zt das Über­leben gesichert – und wird es auch weit­er­hin tun.
Matthias Roth