Maximilian Guth

Fremd bin ich eingezogen. Winterreise interkulturell. Schubert / Guth

Yannick Spanier (Bass), Mehdi Saei (Gesang), Asambura-Ensemble, Ltg. Maximilian Guth

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Decurio
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 73

Dok­trinär­er Einen­gun­gen ledig, ste­ht Ton­schöpfern heute alles frei – auch die tantiemen­freie Nutzung der Ver­mächt­nisse soge­nan­nter Klas­sik­er. Was Schu­berts Win­ter­reise bet­rifft, deren Schauer­lichkeit, Dämonie und Ironie zuweilen sän­gerisch­er Lar­moy­anz zum Opfer fällt, so war Fried­helm Döhl (1936–2018) wohl der erste, welch­er es wagte, sieben Lieder daraus zu „skelet­tieren“ (Bruch­stücke zur Win­ter­reise für Klavier, 1985). Sein nach­fol­gen­des Stre­ichquin­tett Win­ter­reise bezieht sieben Gedichte Georg Trakls mit ein, die er als Schu­berts Liedern „inner­lich ver­wandt“ emp­fand. 1993 unter­zog Hans Zen­der (1936–2019) densel­ben Zyk­lus ein­er „kom­ponierten Inter­pre­ta­tion“ für Tenor und kleines Orch­ester. Wobei er die Lied­folge weit­ge­hend beibehielt, ihre Klanggestalt aber vielfach ver­fremdete und die Musik­er „traumwan­del­nd“ umherschickte.
Um allerd­ings Schu­berts Win­ter­reise mit per­sis­ch­er Vers­dich­tung zu verbinden, die auf ihre Weise ver­lorene Liebe, Heimat­losigkeit und Fremd­sein in der Welt beklagt, anders gesagt: die Unrast, Ein­samkeit und Ago­nie des Wan­der­ers interkul­turell umzunutzen, muss man wohl nach 1990 geboren sein. Wie Max­i­m­il­ian Guth (*1992), Komponist,
Musikver­mit­tler und Leit­er des Asam­bu­ra-Ensem­bles (das seinen Namen von den tansanis­chen „Usambara“-Bergen her­leit­et). Als Neuin­ter­pret der Win­ter­reise „im Zeichen von Krieg, Unruhen und Flucht­be­we­gun­gen vor allem im Nahen Osten“ hat er keine Scheu, dem Wiener Genius mit Schrägstrich seinen Namen anzuhängen.
Nun gut. Von den vierzehn Liedern, die er für sein Opus Fremd bin ich einge­zo­gen auswählte, ließ er sechs weit­ge­hend ungeschoren. Die übri­gen – „Gute Nacht“, „Wasser­flut“, „Erstar­rung“, „Rast“, „Ein­samkeit“, „Der greise Kopf“, „Weg­weis­er“ und „Der Leier­mann“ – inspiri­erten ihn zu mehr oder min­der weitschweifi­gen Fan­tasien. San­tur (Hack­brett), Oud (Kurzhal­slaute), Tar (8‑förmige Volk­slaute) und Klangim­i­ta­tio­nen der Keman­je (Dorn­fi­del) spenden ara­bisch-islamis­ches Kolorit. Die per­sis­chen Gedichte sind im Bei­heft abge­druckt und übersetzt.
Am orig­inell­sten erscheint der Kopfteil des Ganzen. Nach ein­er ein­lei­t­en­den Med­i­ta­tion über das unheil­dro­hende Motiv der Krähe kommt der Dichter Meh­di Akha­van Sales schmerzk­la­gend zu Wort, bis ein hal­ber­stick­tes Pochen des prä­pari­erten Klaviers den Wan­der­er ankündigt, der sich schließlich im O‑Ton „Fremd bin ich einge­zo­gen“ vernehmen lässt.
Dem zwit­tri­gen Klang­bild entsprechend fir­mieren die Par­tien des ser­iösen Schu­bert-Inter­pre­ten Yan­nick Spanier und des Radif-Sängers Meh­di Saei im Verze­ich­nis der Mitwirk­enden als „vocals“. Mit pop­pigem Anklang, viel Hall, Reizhäu­fung und Wieder­hol­ungs­seligkeit nährt Guth den Glauben an eine west­östliche Leidensgemeinschaft.
Lutz Lesle