Franz Schubert

Symphonien Nr. 1–9

Berliner Philharmoniker, Ltg. Nikolaus Harnoncourt

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Phil media GmbH
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 64

Wenn es um die let­zten Herztöne gehe, sei es, so Niko­laus Harnon­court, wed­er Bach noch Mozart, son­dern Schu­bert, „der mir am näch­sten ste­ht“. Die Schu­bert-Affinität des großen, ehe­dem „radikalen“ Musik­ers ging auf Kind­heit­sein­drücke zurück: Das Volksmusikid­iom sein­er steier­märkischen Heimat fand Harnon­court später in Schu­berts Musik wieder. Stärk­er noch als diese Prä­gung war für den jun­gen Musik­er jene, die vom häus­lichen Musizieren aus­ging. Hier lernte er Schubert’sche Tänze und Kam­mer­musik von Grund auf ken­nen.
Immer wieder hat sich der 2016 ver­stor­bene Diri­gent für Schu­berts wenig beachtete Opern, seine Messen und Sin­fonien einge­set­zt. Der Sin­foniker Schu­bert hat­te bis in die jüng­ste Ver­gan­gen­heit keine Lob­by: Seine frühen Sin­fonien – Schu­bert schrieb sie als 16- bis 21-Jähriger – gal­ten als wenig aus­gereifte, ja: „gescheit­erte“ Ver­suche, es den Klas­sik­ern, ins­beson­dere Beethoven gle­ichzu­tun. Der Ex-Orch­ester­musik­er Harnon­court erin­nerte sich sein­er frühen Jahre, als berühmte Diri­gen­ten allen­falls die „Unvol­len­dete“ oder die große C-Dur-Sin­fonie auf ihre Pro­gramme set­zten und selb­st mit diesen Werken kaum per­sön­liche Botschaften ver­ban­den.
Anders Harnon­court: Als Pro­tag­o­nist der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is ver­trat er eine Sichtweise, die nicht darauf gerichtet war, musikalis­che Kunst­werke als „Vorstufen“ zu betra­cht­en. Vielmehr geht der Blick stets von der Quelle aus. Schu­berts Sin­fonien waren für Harnon­court Meis­ter­w­erke ihrer Zeit, über die 1813 ent­standene 1. Sin­fonie schrieb er, sie sei „das Großar­tig­ste, was es gibt, weil die anderen ja noch gar nicht existieren“.
Zwis­chen 2003 und 2006 haben die Berlin­er Phil­har­moniker unter Harnon­courts Leitung alle Schu­bert-Sin­fonien in der Berlin­er Phil­har­monie pro­duziert. Nir­gends herrscht in diesen Auf­nah­men jen­er aufger­aut-demon­stra­tive Ges­tus, der so manche Harnon­court-Ein­spielung früher Jahre zu einem anstren­gen­den Hör­erleb­nis machen kann. Hier spielt kein „Pseu­do-Orig­i­nalk­lang-Orch­ester“, vielmehr hören wir die Phi­har­moniker at their best, in ihrer spez­i­fis­chen Klan­glichkeit und zugle­ich dank Harnon­courts Feinar­beit wun­der­voll dif­feren­ziert, schlank, gekrönt von her­rlichen Soli der Bläs­er oder einzel­ner Stre­icher­grup­pen. Harnon­courts inten­sive Beschäf­ti­gung mit einem spez­i­fis­chen Nota­tion­sprob­lem der Schu­bert-Zeit – was ist ein Dimin­u­en­do, was ein Crescen­do, was ein Akzent? – führt zu über­raschen­den Detailan­sicht­en, doch auch hier sowie in punc­to Tem­po und Phrasierung wer­den wir nie vom inter­pre­ta­torischen „Holzham­mer“ heimge­sucht.
Vielle­icht wäre Harnon­court als Anwalt der frühen Sin­fonien nicht ganz glück­lich über fol­gen­des Resümee? Sei’s drum: Die Auf­nah­men der Sin­fonien 1 bis 6 (sowie auch die der großen C-Dur-Sin­fonie) sind exzel­lent, die Ein­spielung der „Unvol­len­de­ten“ indes ist von magis­ch­er Schön­heit! Welch unge­heuren Schritt ins Neu­land der ger­ade 25-jährige Kom­pon­ist hier voll­bracht hat, machen die Berlin­er Phil­har­moniker und Niko­laus Harnon­court bewzin­gend hör­bar.
Ger­hard Anders