Christopher Hailey

Franz Schrecker 1878–1934

Eine kulturhistorische Biographie

Rubrik: Biographie
Verlag/Label: Böhlau, Wien 2018
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 59

Es war Hans Heinz Stuck­en­schmidt, der 1970 anmerk­te: „Von allen schöpferischen Poten­zen der Zeit vor 1933 weiß ich nur eine einzige, der man bish­er die Chance ein­er Renais­sance ver­wehrt hat: Franz Schrek­er.“ Da waren das „Phänomen Schrek­er“, die spek­takulären Erfolge von Der ferne Klang, Die Geze­ich­neten und Der Schatz­gräber zwis­chen 1912 und Mitte der 1920er Jahre, sowie der „Fall Schrek­er“, insze­nierte Skan­dale und anti­semi­tis­che Anfein­dun­gen, längst eine „erledigte Sache“ gewor­den: Zur Abset­zung von Auf­führun­gen und der Ver­fe­mu­ng als „entartete Kun­st“ kamen nach dem Zweit­en Weltkrieg das Ver­drän­gen und Vergessen.
Als dann Weck­rufe Wirkung zeigten, als in Kas­sel und Frank­furt erst­mals wieder Werke auf die Bühne kamen, als die Musik­forschung den Kom­pon­is­ten ent­deck­te und Diri­gen­ten wie Michael Gie­len und Peter Ruz­ic­ka die Moder­nität sein­er Klänge und die „einzi­gar­tige Emphase und Kraft der Musik“ her­vorhoben, erfol­gten Mitte der 1970er Wende und Wiedergut­machung.
In Deutsch­land und in ganz Europa eroberten die Opern die Spielpläne, DDR-Erstauf­führun­gen gab es an der  Staat­sop­er Berlin und an den Büh­nen der Stadt Gera, Plat­te­nauf­nah­men erschienen und die Lit­er­atur zu Schrek­er und seinem Schaf­fen schwoll an.
Damals hat Christo­pher Hai­ley das The­ma zur Leben­sauf­gabe gemacht: Ein Viertel­jahrhun­dert liegt das Erscheinen der englis­chen Orig­i­nalaus­gabe seines viel­beachteten Stan­dard­w­erks zurück, für welch­es er zwei Jahrzehnte inten­sivster Quel­len­forschung in den Musikzen­tren Europas und in den USA aufwen­dete. Die nun vor­liegende deutsche Über­set­zung war nicht nur über­fäl­lig, sie wurde zudem aktu­al­isiert und beträchtlich erweit­ert: Ein Nach­wort zur Schrek­er-Rezep­tion, ein Überblick über sein Wirken als Lehrer, Inter­pret und Film­pro­duzent, die Auf­führungssta­tis­tik sämtlich­er Insze­nierun­gen bis heute.
Doch ohne Begeis­terung und eigenes Erleben (Hai­ley hat alle Auf­führun­gen seit 1978 besucht und mit unzäh­li­gen The­ater­leuten gesprochen) wären solch akribis­che Arbeit und andauern­des Engage­ment unmöglich. Hai­ley wertet die Wieder­ent­deck­un­gen nicht nur als Glan­zlichter, er zeigt auch die neuen Dimen­sio­nen und Per­spek­tiv­en, die Schrek­ers Rel­e­vanz für das Wien des Fin de siè­cle und das Berlin der Weimar­er Repub­lik, die bedeu­tend­sten Schmelztiegel der Musik des 20. Jahrhun­derts, aus­machen. Der ferne Klang war ihm Pro­gramm, Klang und Eros (Paul Bekker) ein Marken­ze­ichen; im Klang sah Adorno jenen „radikalen Zug, der die Zurech­nung Schrek­ers zur Avant­garde recht­fer­tigt“.
Hai­leys bril­lantes, facetten­re­ich­es Zeit- und Per­sön­lichkeits­bild würdigt den beson­deren Wert sein­er Kun­st als sen­si­bles und kreatives Reagieren auf ihre Umwelt.
Das hat ihr von Flam­men bis zum Schmied von Gent, von der Ekke­hard-Ouvertüre bis zum Mem­non-Vor­spiel Höhen­flüge beschert und Missver­ständ­nisse einge­bracht. Und das gibt ihr in Zeit­en kul­tureller Vielfalt und Frei­heit auch eine bleibende Chance…

Eber­hard Kneipel