Gut, Serge

Franz Liszt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Studiopunkt-Verlag, Sinzig 2009
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 66

Seriöse und fundierte Publikationen über den Komponisten Franz Liszt, die über das Niveau der Boulevardproduktion hinausgehen, sind rar, meist entlegen und verstreut, dem interessierten Laien schwer zugänglich. Darum ist es verdienstvoll, wenn der Kölner Studiopunkt-Verlag in der von Detlev Altenburg betreuten Reihe den Liszt von Serge Gut neu herausgebracht hat. Es handelt sich um die monumentale französische Liszt-Monografie, das Opus maximum des langjährigen Vorstands des Musikwissenschaftlichen Instituts der Sorbonne aus dem Jahr 1989, das in einer aktualisierten Neuausgabe dem deutschen Leser zugänglich gemacht wird. Mit ihren über 900 Seiten repräsentiert sie ein veritables Liszt-Kompendium, ein Handbuch mit dem durchaus enzyklopädischen Anspruch, alles zu enthalten, was man über Liszt wissen sollte.
Der stattliche Band ist in drei Teile gegliedert. Den ersten nimmt die Biografie ein, die mit ihren 265 Seiten sich nicht in den Details verliert, sondern Liszts Leben nach seinen Hauptaspekten schildert, wobei ein großes Maß der Detailfülle durch chronologische Übersichten aufgefangen ist. Der Schwerpunkt liegt zweifellos auf Liszts französischen Beziehungen. Dabei kommt es der Darstellung zugute, dass der Autor als Mitherausgeber der Neuausgabe des Briefwechsels zwischen Liszt und Marie d’Agoult diese erstrangige Informationsquelle nicht nur für überraschende Details zu gebrauchen weiß, sondern auch in ihren verästelten Querbezügen ausleuchten kann. Gut vermag seinen Gegenstand farbig und fesselnd zu schildern und hält doch durchwegs kritische Distanz zu ihm.
Im zweiten Teil, „Aspekte“, sind eine Reihe von Einzelstudien zu verstreuten Themen versammelt. Diese widmen sich teils biografischen Kapiteln, die chronologische Längsschnitte erfordern, wie etwa Liszts Beziehungen zu den großen Künstlerkollegen Chopin, Berlioz und Wagner. Oder sie betreffen Fragen, die man andernorts nur selten aufgeworfen findet, etwa, inwieweit Liszt „perfekt zweisprachig“ oder ob er wirklich Antisemit war.
Der dritte Teil schließlich ist dem musikalischen Œuvre gewidmet. Gut bietet hier einen Überblick über Liszts gesamtes Schaffen, gegliedert nach Gattungen mit Einführungen in die Hauptwerke. Der Leser findet da nicht nur Basisinformationen zu Theorie und Wesen der symphonischen Dichtung, sondern auch Erläuterungen zum inneren „Handlungsgang“ der Musikstücke. Als sehr nützlich erweisen sich die zahlreichen tabellarischen Formübersichten – sie wirken auf den ersten Blick ein wenig schematisch, eine jede von ihnen erspart jedoch tausend Analyseworte –, die das Zurechtfinden sehr erleichtern. Bei der Besprechung der Werke schreckt Gut keineswegs vor Wertung und Kritik zurück. Der umfangreiche Anhang erweist sich als äußerst nützlich für jede weitere Beschäftigung.
Guts Liszt mag ein Liszt aus „französischer“ Perspektive sein, der da vor die Augen des Lesers tritt: Trotz der Detailfülle und des Umfangs werden viele geneigt sein, an manchen Punkten, die vielleicht einer allzu persönlichen Wertung entsprechen, weiter zu diskutieren (z.B. bei allen „Liszt und Ungarn“ betreffenden Fragen). Die durch Inge Gut besorgte deutsche Übersetzung ist hervorragend und trägt zusätzlich zur Qualität bei.
Gerhard J. Winkler