Stefan Frey

Franz Lehár

Der letzte Operettenkönig. Eine Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 60

Schon seit sein­er Pro­mo­tion befasst sich Ste­fan Frey mit dem Werk Franz Lehárs. Seit­dem arbeit­et
er an The­atern und beim Radio und kämpft für den Erhalt der Operette als kul­turelles Erbe. Dementsprechend erweist er sich als aus­geze­ich­neter Ken­ner der Materie und legt mit dieser Biografie eine umfassende Lebens- und Werkschau des Kom­pon­is­ten vor.
Das sehr gründliche und äußerst ken­nt­nis­re­iche Werk bre­it­et den Werde­gang vom vir­tu­osen Geiger zum auto­di­dak­tis­chen Kom­pon­is­ten aus, der eine per­sön­liche Empfehlung von Johannes Brahms erhielt. Zu erfahren ist vom Vaku­um der Operetten­zeit um die Jahrhun­der­twende, als sich die Gat­tung schw­er tat, Neuerun­gen zu vol­lziehen und sich dem Geist der Zeit anzu­passen. Ger­ade in dieses Vaku­um stieß Lehár vor und mit der Lusti­gen Witwe bah­nte sich der große inter­na­tionale Erfolg an, der ihn zum let­zten und zugle­ich auch erfol­gre­ich­sten Operettenkönig über­haupt machte. Diese Entwick­lung, die von den Anfän­gen seines Schaf­fens bis in die let­zten Werke präzise nachvol­l­zo­gen und viel­stim­mig belegt wird, ist span­nend zu lesen und begrün­det Lehár nicht nur als wichti­gen Gegen­stand der Musikgeschichte, son­dern auch als ein kul­tur­wis­senschaftlich­es Phänomen.
Wie einst Siegfried Kra­cauer mit seinem Buch zu Jacques Offen­bach eine Studie zur Paris­er Gesellschaft und ihrer Iden­titäts­find­ung durch die Operette des 19. Jahrhun­derts ent­wor­fen hat­te, so schafften es auch Lehár und seine Libret­tis­ten zunächst für die Wiener Gesellschaft, dann aber auch weltweit, Klänge und Fig­uren dama­liger Iden­titätss­tiftung zu find­en.
Frey ist sich dieses kul­tur­wis­senschaftlichen Auf­trags sehr bewusst und beken­nt sich zu Kra­cauers Ansatz, den er jedoch als nicht ein­lös­bar beze­ich­net, da die gesellschaftliche Sit­u­a­tion zu Lehárs Zeit mit dem Paris des 19. Jahrhun­derts nicht mehr ver­gle­ich­bar sei. Ob dies aber tat­säch­lich an der verän­derten Gesellschaft liegt oder nicht vielmehr im method­is­chen Ansatz des Buch­es selb­st begrün­det ist, wäre eine berechtigte Frage.
Die kul­tur­wis­senschaftlich rel­e­van­ten Fra­gen zur Iden­titätss­tiftung wie auch zur Gen­derthe­matik wer­den lediglich gestreift. Die vie­len Adorno-Zitate, dur­chaus passend und klug geset­zt, wirken daher eher wie eine gut gelun­gene Gar­ni­tur. Adornos Kri­tik an Kra­cauers Werk, dass die Musik selb­st zum Gegen­stand der Betra­ch­tung wer­den müsse, um die sozi­ol­o­gis­chen The­sen ana­lytisch zu stützen, trifft auch auf Frey zu. So gediegen die Biografie und so präzise wie ein­fühlsam gestal­tet die Werken­twick­lung auch sein mag – zudem dur­chaus aufwendig mit schönem Bilder­druck zusät­zlich doku­men­tiert: Noten­beispiele oder genauere Besprechun­gen der Musik oder der Werk­dra­maturgie find­en sich hier nicht. Dadurch wird das Buch zu dem, was es ist: eine aus­geze­ich­nete Biografie eines Operettenkom­pon­is­ten und sein­er Werke im tra­di­tionellen Stil. Aber es wird auch deut­lich, was es nicht ist: eine kul­tur­wis­senschaftliche Analyse des dama­li­gen Zeit­geschehens, die sich am musikalis­chen Beispiel der Operette hätte ver­tiefen lassen kön­nen.
Stef­fen A. Schmidt