Frank Martin

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke

Okka von der Damerau (Alt), Philharmonia Zürich, Ltg. Fabio Luisi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Philharmonia Records
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 67

Von der Musik als ein­er Art text­losen Sprache war Rain­er Maria Rilke fasziniert, vielle­icht ger­ade deshalb, weil er selb­st ein höchst skrupulös­er Wor­tartist war. „Du Sprache, wo Sprachen enden“, heißt es in seinem Gedicht An die Musik; und an ander­er Stelle wird Musik zum „Atem der Stat­uen“. Die Welt der Töne und Klänge wird in Rilkes Werk immer wieder beschworen, mit Stich­worten wie Lied, Gesang, Geige, Glocke oder Orpheus. Dem Gong hat der Dichter sog­ar ein eigenes Poem gewid­met und das Instru­ment in eine Art See­len­spiegel umgedeutet: „Nicht mehr für Ohren…, Klang, der, wie ein tief­eres Ohr, uns, schein­bar Hörende, hört.“
Gle­ich­wohl scheint Rilke aber auch eine gewisse Skep­sis gegenüber den dion­y­sis­chen, nicht kon­trol­lier­baren Zügen der Musik gehegt zu haben. Ver­to­nun­gen sein­er Werke stand er ablehnend gegenüber. „Sie wis­sen, wie wenig Rührung ich empfinde über dieser Zuthun­lichkeit der Musik zu meinen, sich selb­st genü­gen­den Anlässen“, schrieb er 1926 an den Ver­leger Anton Kip­pen­berg.
Diese Art von „Zuthun­lichkeit“ erfuhr vor allem die 1899 geschriebene, 1912 veröf­fentlichte Weise von Liebe und Tod des Cor­nets Christoph Rilke. 1919 ent­stand eine Kan­tate von Paul von Kle­nau, 1922 schrieb Kurt Weill eine sym­phonis­che Dich­tung. Rilkes Aver­sion zum Trotz soll­ten noch mehrere Ver­to­nun­gen fol­gen, unter anderem von Vik­tor Ull­mann, Siegfried Matthus und Her­mann Reut­ter.
Die Sol­daten­bal­lade, Kult­buch der deutschen Sol­dat­en im Ersten Weltkrieg, reizte auch den Schweiz­er Kom­pon­is­ten Frank Mar­tin – vielle­icht nicht zufäl­lig im Kriegs­jahr 1942. Mar­tin schrieb eine Fas­sung für Orch­ester und Alt, die dem Rilke’schen Text genü­gend eige­nen Raum zur Ent­fal­tung lässt. Das kommt vor allem in den zahlre­ichen par­lan­doar­ti­gen und ariosen Par­tien zum Aus­druck.
Zugle­ich degradiert Mar­tin die Musik nicht zur bloßen Klangkulisse. Ver­mut­lich mehr, als Rilke lieb gewe­sen wäre, lässt er Klang­bilder entste­hen und set­zt Fig­uren, Akko­rd­verbindun­gen oder auch bes­timmte Beset­zungstypen qua­si als Leit­mo­tive ein. Seine typ­is­che Klang­sprache, die aus ein­er Ver­schmelzung von Zwölfton­tech­nik und tonaler Har­monik entste­ht, wen­det Mar­tin auf eine Weise an, die man als asketis­che Raf­fi­nesse beze­ich­nen kön­nte, von Aus­nah­men abge­se­hen wie etwa der rauschhaften, üppig instru­men­tierten Fest­szene im Schloss. Zudem ist er ein Meis­ter der stilis­tis­chen Anver­wand­lung, etwa, wenn er das Lied des Cor­nets im Gewand eines früh­barock­en Chorals wie aus der Ver­gan­gen­heit herüberklin­gen lässt.
Der Phil­har­mo­nia Zürich unter Leitung von Fabio Luisi ist mit dieser Liveauf­nahme aus dem Opern­haus Zürich eine sehr klangschöne und ger­adlin­ige Inter­pre­ta­tion gelun­gen. Okka von der Dam­er­aus natür­lich geführte, rund klin­gende Stimme fügt sich bestens ein.
Math­ias Nofze