Formen in der Luft

Musik des 20. Jahrhunderts für Violine und Orgel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Are Musik VerlagsGmbH ARE 7017
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 65

Die Orgel hat mit Luft zu tun – ohne Wind­lade wäre das Instru­ment nicht zu spie­len. Aber die Vio­line? Braucht sie Luft? Im stren­gen Sinn natür­lich nicht, aber wenn man die Tech­nik auf den Sait­en und mit dem Bogen außen vor lässt und sich die möglichen vir­tu­osen Klänge anhört, dann steigt kaum ein zweites Instru­ment der großen Orch­ester­fam­i­lie in so luftige Höhen wie die Geige. Musik für Orgel und Vio­line kommt so sel­ten nicht vor. Beim Bot­trop­er Fes­ti­val „Orgel Plus“ begeg­nen sich die bei­den Part­ner regelmäßig. Der ful­mi­nant-orches­trale Klang des großen Instru­ments im Dia­log mit der kam­mer­musikalis­chen Intim­ität wartet mit Über­raschun­gen und der Öff­nung in neue geistige Dimen­sio­nen auf.
Das wird mit dieser CD ein­mal mehr bestätigt. Das Duo Sza­th­máry gewin­nt den For­men in der Luft Zeit­genös­sis­ches ab. In der Tat beschäfti­gen sich Kom­pon­is­ten der Gegen­wart gern und ziel­be­wusst mit der tech­nis­chen Appa­ratur, mit den Klangspek­tren fern des tra­di­tionell-kon­ser­v­a­tiv­en Kreis­es und ent­lock­en so einem fest­ge­fügten Instru­menten­panora­ma wie ein­er Kirchenorgel spek­takuläre Her­aus­forderun­gen. Und um diese musi­ca nova geht es auf dieser CD, bei der sich nicht jedes Werk beim ersten Hören auf Anhieb erschließt. Hier muss mit­gear­beit­et wer­den, will man nicht das Hören als inak­tive Geräuschkulisse begreifen. Nein, bei Reiko Moro­hashi (Aus dem fer­nen Him­mel­srande), Zsig­mond Sza­th­máry (Caden­za con Osti­nati), Hans Ulrich Lehmann (Sonate da Chiesa), Arthur Vin­cent Lourié (For­men in der Luft), Györ­gy Ligeti (Etude Nr. 1), Kim Bow­man (The Vio­lin) und Ist­van Lang (Movi­men­to) wird höch­ste Konzen­tra­tion ver­langt, außer­dem die Bere­itschaft, sich auf Fremdes, Fernes, Radikales und Küh­les einzu­lassen. Wer dieses offene, neugierige Ver­hält­nis an den Tag legt, der wird belohnt – denn alle Kom­po­si­tio­nen warten mit rup­piger Avant­garde oder provozieren­der Klang­bal­lung auf.
For­men in der Luft – Arthur Vin­cent Lourié gibt mit seinem Stück den Titel vor. Die Leichtigkeit der Luft prägt diese drei Kom­po­si­tio­nen (eigentlich für Klavier geschrieben), die Zsig­mond Sza­th­máry für Orgel und Vio­line bear­beit­et hat. Eines der kraftvoll-brisan­ten Werke ist Hans Ulrich Lehmanns Kirchen­sonate (1971), eine Mix­tur aus Ton­suche und Musikver­s­tum­men, aus Zitatver­frem­dung (von Bach bis Mes­si­aen) und Col­la­gen-Szenen: ein Kraftakt für bei­de Instru­mente. Ein­lei­t­end hört man die Kadenz mit Osti­na­to von Zsig­mond Sza­th­máry für Violine/Orgel von 1994: wie aus einem musikalis­chen Gedanken, ein­er Urzelle gewis­ser­maßen, ein Par­al­lel­o­gramm mit osti­natem Ein­satz wird. Der Kom­pon­ist ver­schiebt Phasen, mod­uliert das The­ma, ungarische Folk­lore-Bruch­stücke ertö­nen spukhaft, Rhyth­mik über­rascht serien­weise.
For­men in der Luft: Diese Ein­spielung mit der stu­pend auftre­tenden Geigerin – sie ist Konz­ert­meis­terin bei der Deutschen Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz – und dem sou­verän agieren­den Organ­is­ten – er zählt zu den führen­den Orgel­musik­ern im 20. Jahrhun­dert – bleibt ger­ade in ihrem Duk­tus irdisch und sin­nen­zuge­wandt. Aber die Höhen­luft bekommt den Solis­ten – und den Kom­pon­is­ten. Man bleibt trotz her­aus­fordern­der Werke ge- und entspan­nt.
Jörg Loskill