Dinescu, Violeta

Flutes Play

Ion Bogdan Stefanescu (Flöte)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Gutingi 254
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 84

Vorhang auf für den Flötis­ten Ion Bog­dan Ste­fanes­cu, ihm gehört jet­zt 70 Minuten lang die Bühne. Solis­tisch mit Pic­co­lo, großer Flöte und Bass­flöte oder als virtuelles Orch­ester mit bis zu 32 Stim­men wird er die musikalis­chen Vorstel­lun­gen der Kom­pon­istin real­isieren. Schon auf Vio­le­ta Dines­cus CD For­get­menot (siehe Besprechung in das Orch­ester 6/2013, S. 74), eben­falls eine Zusam­me­nar­beit mit diesem kon­ge­nialen Inter­pre­ten, hat­te das mehrstim­mige Stück den nach­haltig­sten Ein­druck hin­ter­lassen; hier ist man diesen Weg hör­bar erfol­gre­ich weit­er gegan­gen. Die Musik der Flöten ist von faszinieren­der Wirkung, in den sich frei ent­fal­tenden dial­o­gisieren­den Klän­gen enste­hen immer wieder inten­sive, wun­der­bare Momente.
Klänge kön­nen für Dines­cu die Qual­ität selb­st­ständi­ger Gestal­ten gewin­nen, deren Wirken sich aber, wie sie selb­st sagt, dem kom­pos­i­torischen bzw. spie­len­den Zugriff entzieht und so im Sinne ein­er beab­sichtigten Offen­heit des Kom­po­si­tion­sprozess­es immer wieder zu uner­warteten Wirkun­gen führt: „Musik kann etwas aus­lösen, das ich nicht unter Kon­trolle habe. Kom­ponieren heißt für mich, einen Hauch von Wind in diese Klan­gräume zu brin­gen, sodass sie zum Leben erwachen“, so das Zitat im Begleit­text der CD. Der Musik­wis­senschaftler Egbert Hiller ver­sucht darin, sich diesen Klan­gräu­men zu näh­ern, indem er vom Begriff „Play“ aus­ge­hend pro­gram­ma­tis­che Hin­weise auf szenis­che Vorstel­lungsin­halte gibt. In diesem Sinn sind die sich von den gewohn­ten Klang­far­ben ein­er Flöte ent­fer­nen­den Spiel­weisen nicht Selb­stzweck, son­dern erweit­erte Möglichkeit­en, ver­schiedene und auch exis­ten­zielle Erleb­nis­di­men­sio­nen darzustellen, Natur­erleben, Freude oder Heit­erkeit, Schmerz und Trauer.
Die Wirkung der Musik lässt sich aber nicht auf solch inhaltliche Aus­deu­tung reduzieren. Gestal­tende Ele­mente wie Het­ero­fonie, glei­t­ende Melodik und rhyth­mis­che Flex­i­bil­ität, die auf die rumänis­che Herkun­ft der Kom­pon­istin ver­weisen, prä­gen ihr Erschei­n­ungs­bild. Ein Blick in ihr Werkverze­ich­nis zeigt, dass sie sich schon früher mit dem The­ma „Flutes Play“ auseinan­derge­set­zt hat. Drei Stücke für drei, sechs und acht Flöten (1986) mit diesem Titel sind dort in Manuskript­form verze­ich­net, man kön­nte sie nach­spie­len. Die CD Flutes Play wird man hinge­gen wed­er nach­spie­len wollen noch kön­nen, denn die von der Kom­pon­istin getrof­fe­nen und von den Ton­meis­tern kun­stvoll real­isierten Entschei­dun­gen haben aus ihr ein ein­ma­liges Werk von beson­der­er Art gemacht. Jede Neugestal­tung der zeitlichen Abläufe und damit der Zusam­men­klänge in den mehrstim­mi­gen Par­tien würde dann – ohne dadurch den Vor­wurf der Beliebigkeit auf sich zu ziehen – eine völ­lig neue Ver­sion ergeben.
Sich auf dieses Hör­erleb­nis einzu­lassen dürfte nicht schw­er fall­en, weil die Lebendigkeit dieser Klan­gräume immer wieder neue Aufmerk­samkeit weckt. Lohnend auch, die Verän­derung der Wahrnehmung während der sich ständig wan­del­nden und doch irgend­wie ähn­lichen Klangkon­stel­la­tio­nen zu beobacht­en. Dass aus Klän­gen musikalis­che Struk­turen wer­den kön­nen, an denen sich das Bedürf­nis nach inner­er Ord­nung und Wieder­erkennbarkeit ori­en­tieren kann – ob die Kom­pon­istin hier vielle­icht auch diesem Gedanken nachge­gan­gen ist?
Ursu­la Pešek