Enjott Schneider

Flute Stories

Łukasz Długosz/ Agata Kielar- Długosz (Querflöte), Silesian Chamber Orchestra, Silesian Philharmonic Symphony Orchestra, Ltg. Mirosław Jacek Błaszczyk

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 72

Wer sagt denn, dass im 21. Jahrhun­dert kom­ponierte Musik exper­i­mentell, dis­so­nant, zer­ris­sen oder son­st wie ungewöhn­lich klin­gen muss? Diese Erwartung­shal­tung wurde Gemeingut. Dage­gen ver­stößt Enjott Schnei­der mit melodiösen, ja sog­ar ohrschme­ich­lerischen Stück­en. Out­et sich da ein Ewig-Gestriger? Eher nicht. Die drei Stücke auf der CD Flute Sto­ries haben Charak­ter und wer­den von den schle­sis­chen Orch­estern sowie Łukasz Dłu­gosz und im ersten Stück zusät­zlich Aga­ta Kielar-Dłu­gosz (bei­de Quer­flöte) mit Empathie inter­pretiert. Die „Sto­ries“ haben Bezug zum Arbeits­feld des ein­sti­gen Pro­fes­sors für Musik­the­o­rie und Kom­po­si­tion an der Münch­n­er Hochschule für Musik und The­ater: Enjott Schnei­der hat, anfangs unter dem Namen Nor­bert J. Schnei­der, rund 600 Film­musik­w­erke – unter anderem für Joseph Vils­maier – sowie Opern, Orch­ester­w­erke, Kam­mer­musik, Orgel­w­erke und geistliche Musik komponiert.
Film­musik muss mit bedeu­tungsstarken Mustern das Geschehen auf der Lein­wand charak­ter­isieren, unter­malen, beto­nen oder kon­terkari­eren. Sie set­zt fort, was in der Affek­ten­lehre der Antike und des Barock entwick­elt wurde und – etwas fort­geschrit­ten­er – auch die Sin­fonis­chen Dich­tun­gen der Roman­tik und die Pro­gram­m­musik bes­timmte: Klang­ma­lerische Mit­tel charak­teri-sieren Außer­musikalis­ches. Auf Schnei­ders CD sind dies Wass­er, Bäume und die Impres­sio­nen aus dem Leben ein­er chi­ne­sis­chen Konku­bine des Kaisers Xuan­zong (685–762).
Das fün­f­sätzige Water – Ele­ment of Infin­i­ty beginn mit zartem Geplätsch­er zweier Flöten – ein Quell-bach. Diesen weichen Bewe­gun­gen ste­hen kraftvollere Orch­esterk­länge gegenüber: Wass­er hat auch Vol­u­men und Kraft. Es springt über Steine, glitzert in einem ruhi­gen See, wird ver­führerisch, fremd und let­z­tendlich zu einem brachial tosenden Strom, dem die Flöten Gis­cht­spritzer aufsetzen.
Bei den vier Sätzen von Worlds of Tree greift Schnei­der auf den keltischen Baumkalen­der zurück. Hier sym­bol­isieren hohe, dezent schwin­gende Stre­ich­er- und Flö­ten­töne Anmut und schlanke Gestalt der Birke. Fül­liger und aus­laden­der charak­ter­isiert Schnei­der den Apfel­baum und mit länger wehen­den Bögen und getra­ge­nen Flöten­melo­di­en die Kas­tanie. Düstere und zir­pende Stre­ich­er, abbrechende Flö­ten­töne und tan­zar­tige Pas­sagen erin­nern daran, dass die Hain­buche einst mit Hex­erei in Verbindung gebracht wurde.
Bei den Pic­tures of Yang Guifei wan­dert Schnei­der ohne Umschweife in eine Atmo­sphäre zwis­chen Marschtritt und hero­is­chen Mustern: das Umfeld des chi­ne­sis­chen Kaisers Xuan­zong, in das seine Konku­bine Yang Guifei Lock­rufe sendet. Ein mit Asia-Exotik angere­ichert­er Tanzsatz und ein herrschaftliche Langeweile sym­bol­isieren­der drit­ter Satz ste­hen für das Leben am Hof. Yang Guifei endete tragisch: Der König wurde ver­jagt, und sie erhängte sich. Entsprechend hek­tisch fällt der anfangs mit Pauken­schlä­gen gewürzte Schlusssatz aus. Eine san­fte Flöten­melodie und Geigen­zir­pen beschließen ihn. Jet­zt fehlt nur noch das Bild zum Film. 
Wern­er Stiefele