Carl Philipp Emanuel Bach

Flute Concertos & Sinfonias

Nolwenn Bargin (Flöte), Musikkollegium Winterthur, Ltg. Roberto Gonzáles Monjas

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Claves
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 65

Es ist nicht so, dass er im heuti­gen Konzertleben gän­zlich unter­repräsen­tiert wäre – und erst recht nicht, wenn man die CD-Neuer­schei­n­un­gen der ver­gan­genen zwanzig Jahre betra­chtet. Aber den­noch: Dafür, dass, wenn man im 18. Jahrhun­dert vom „großen Bach“ sprach, jed­er­mann unmit­tel­bar und ohne Zögern ver­stand, dass von Carl Philipp Emanuel Bach die Rede war und nicht etwa von seinem heute so viel mehr gehypten Vater Johann Sebas­t­ian, nimmt sich CPEs Ein­spielungsliste doch eher beschei­den aus; von seinem sehr gele­gentlichen Auf­tauchen in Pro­gram­men heutiger Sin­fonieorch­ester ein­mal ganz zu schweigen.
Dass diese CD, die das Musikkol­legium Win­terthur unter der Leitung seines Konz­ert­meis­ters Rober­to Gonzáles Mon­jas mit der franzö­sis­chen Quer­flötistin Nol­wenn Bar­gin einge­spielt hat, sich sog­ar auss­chließlich dem Werk des Bach-Sohnes wid­met, spricht also schon ein­mal entsch­ieden für sie – und für den Mut der Musik­er und ihres Labels. Dass die Musik­er für die Auf­nahme allerd­ings ger­ade die zwei Sin­fonien Wq 183/1 und 183/4 sowie die Flötenkonz­erte Wq 168 und 22 aus­gewählt haben, macht die Sache etwas weniger reizvoll, denn von allen vier Werken gibt es bere­its mehrere Auf­nah­men, sowohl auf his­torischem wie auf mod­ernem Instru­men­tar­i­um. Aber nichts­destotrotz: Wer noch keine dieser Auf­nah­men sein eigen nen­nt, ist mit dieser sicher­lich sehr gut bedi­ent.
Das hier mit 35 Musik­ern beset­zte Musikkol­legium Win­terthur spielt durchgängig außergewöhn­lich leb­haft, beweglich und vir­tu­os. Mit sein­er klaren, knap­pen Phrasierung, der schö­nen dynamis­chen Gestal­tung und vor allem seinen wun­der­bar gestal­teten Span­nungslin­ien – dynamis­chen Steigerun­gen bis zum har­monis­chen Höhep­unkt ein­er Phrase und zurück – lässt das Ensem­ble auch stilis­tisch nichts zu wün­schen übrig. Und sel­ten hört man ein mod­ernes Orch­ester so sauber spie­len, auch in hohen, kurzen Stre­icher­fig­uren oder schnell wech­sel­nden Bläser­akko­r­den!
Auch die Flötistin gibt kaum Anlass zur Klage, spielt tech­nisch sehr gut, mit schönem Ton. Nur stilis­tisch erre­icht sie nicht ganz die Sicher­heit des Orch­esters. Ins­beson­dere in den schnellen Sätzen wirkt ihr Spiel im Gegen­satz ger­ade zu den beschwingt dahin­flitzen­den Stre­ich­ern des Musikkol­legiums Win­terthur zwar nun nicht wirk­lich schw­er­fäl­lig, aber doch zumin­d­est deut­lich weniger ver­sa­til und auch weniger klar phrasiert, da sie vielle­icht ein wenig zu ein­seit­ig auf ihr (zugegeben­er­maßen freilich sehr schönes…) Legatospiel set­zt. Und zwar ist natür­lich anzuerken­nen, dass man sich auf der Quer­flöte schw­er­er mit dynamis­ch­er Dif­feren­zierung tut als auf ein­er Vio­line, aber den­noch fall­en auch ihre Span­nungslin­ien ein wenig gegenüber denen des Orch­esters ab.
Doch hier sprechen wir von Nuan­cen, die sich wohl nur vor einem so strahlen­den Hin­ter­grund wie eben dem des hier so her­vor­ra­gend agieren­den Ensem­bles abze­ich­nen – und so bleibt es dabei: Ins­ge­samt eine sehr empfehlenswerte CD, mit der man sicher­lich nichts falschmachen kann.
Andrea Braun