Giulio Briccialdi

Flute Concertos

Ginevra Petrucci (Flöte), I Virtuosi Italiani

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics 95767
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 66

Diese Auf­nahme mit vier bish­er nicht in dieser Form bekan­nten Konz­erten des ital­ienis­chen Flöten­vir­tu­osen Giulio Bric­cial­di (1818–1881) ist zwar bere­its 2008 erschienen, wurde aber par­al­lel zu ihrer Edi­tion in der Ricor­di Flute Library jet­zt noch ein­mal tech­nisch über­ar­beit­et. Genau genom­men han­delt es sich nicht um Konz­erte, son­dern um Con­cer­ti­ni, in denen ein zwei the­ma­tisch-fig­u­ra­tive Bere­iche enthal­tender Abschnitt mit Halb­schluss zu einem ruhi­gen Mit­tel­teil über­leit­et, dem ein mehr oder weniger folk­loris­tisch gefärbter vir­tu­os­er drit­ter Teil fol­gt. Dass Bric­cial­di diese Konz­erte beson­ders geschätzt haben soll, ger­ade auch für den eige­nen Gebrauch, ist angesichts ihrer Konzen­tra­tion auf musikalisch Wesentlich­es nicht weit­er ver­wun­der­lich.
Abge­se­hen davon, dass die Edi­tion nach den Manuskripten erfol­gt ist, gibt das Book­let keine weit­eren Infor­ma­tio­nen zur Einord­nung der Konz­erte in Bric­ciald­is Werkverze­ich­nis. Mit dem angegebe­nen Link www.giuliobriccialdi.com/full-catalogue und, falls zur Hand, mit Gian Luca Petruc­cis Buch Giulio Bric­cial­di – Il Principe dei Flautisti lassen sich fol­gende Bezüge her­leit­en:
> Konz­ert Nr. 1 in B-Dur: Ter­zo Con­cer­to op. 65, Milano 1852, Dorus gewid­met
> Konz­ert Nr. 2 in e-Moll: Sec­on­do Con­certi­no alla mod­er­na, undatiert
> Konz­ert Nr. 3 in C-Dur: Con­cer­to bril­lante op. 119, ca. 1867, Charles Der­baix gewid­met
> Konz­ert Nr. 4 in As-Dur: Con­certi­no alla mod­er­na op. 104, Milano ca. 1861
Gespielt hat Bric­cial­di ver­mut­lich meist auf Instru­menten eigen­er Kon­struk­tion, die Böhms neues Flöten­rohr mit den Klap­pen der alten Flöte ver­ban­den. Obwohl er Böhms konis­ches Mod­ell schon 1833 – ohne seine Bedeu­tung zu erken­nen – in Livorno ken­nen gel­ernt und obwohl Böhm ihm 1847 dann seine (erste) zylin­drische Flöte anlässlich eines Werk­statt-Aufen­thalts über­lassen hat­te, emp­fand Bric­cial­di die neue Grif­fweise als unüber­windlich­es Hin­der­nis für einen Wech­sel. Dafür hat seine B-H-Dau­men­dop­pelk­lappe, die er in Zusam­me­nar­beit mit der Lon­don­er Fir­ma Rudall & Carte ent­wor­fen hat­te, seinen Namen dauer­haft mit dem Böhm­flöten­bau ver­bun­den.
Schon als ganz junger Flötist wurde Bric­cial­di entschei­dend durch die ital­ienis­chen Opern der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts bee­in­flusst, an deren Auf­führun­gen in ver­schiede­nen Orch­estern – Neapel, Venedig, Mai­land, Rom – er beteiligt war und zu denen er auf­grund sein­er Begabung impro­visierte Zwis­chenak­t­musik beis­teuern durfte. So verbinden sich in seinen Kom­po­si­tio­nen Bel­can­to und Vir­tu­osität, die von Ginevra Petruc­ci stil­sich­er und klangschön real­isiert wer­den, wenn man sich vielle­icht auch gele­gentlich etwas mehr draufgän­gerischen Schwung wün­schen kön­nte. Das (nicht nur) beglei­t­ende Orch­ester, die aus Verona stam­menden Vir­tu­osi Ital­iani, eine Stre­ich­er-For­ma­tion, ist durch Bläs­er ver­stärkt. Das recht hal­lige Klang­bild wirkt so, als lausche man ein­er Oper­nauf­führung im Freien, eigentlich gar keine schlechte Idee. Man kann sich die Konz­erte also mit einigem Vergnü­gen anhören und, da mit gut klin­gen­dem Klavier­satz aus­ges­tat­tet, auch selb­st spie­len.
Ursu­la Pešek