Vasks, Peteris

Flute Concerto / Symphony Nr. 3

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 73492
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 66

Finnis­che Diri­gen­ten zeich­nen sich u.a. dadurch aus, dass sie als inspiri­erende Part­ner leben­der Kom­pon­is­ten auftreten. Man denke nur an Esa-Pekka Salo­nen (Los Ange­les Phil­har­mon­ic Orches­tra) und den Schwe­den Anders Hill­borg, Osmo Vän­skä (Sin­fo­nia Lahti) und den Finnen Kale­vi Aho oder an John Storgårds (Phil­har­moniker Helsin­ki) und den Färinger Sun­leif Ras­mussen. Schon zur „Wen­dezeit“ bestellte Juha Kan­gas, langjähriger Ziehvater des Ost­bot­tnis­chen Kam­merorch­esters in Kokko­la, bei Peteris Vasks in Riga ein Stück, das ihm die Tür zum West­en öffnete: die Stre­ich­ersin­fonie Bal­sis (Stim­men).
Den Anstoß zu sein­er 3. Sym­phonie von 2004/05 gab die Phil­har­monie Tam­pere dank ihres dama­li­gen Chefdiri­gen­ten John Storgårds. Begeis­tert über den dop­pel­ten Klas­sikpreis, der dem Orch­ester 2004 mit Vasks’ 2. Sym­phonie und dem Vio­linkonz­ert Dis­tant Light in Cannes zuteil wurde, bestellte die Inten­danz ein „Ein­spiel­stück“. Die instru­men­tale Sanges­lust, die den Kom­pon­is­ten daraufhin überkam, sprengte bald den vorgegebe­nen Rah­men.
Fan­tasiear­tig durchkom­poniert, lässt sich die 3. Sym­phonie in drei Abteilun­gen gliedern. Der ruhige Pulss­chlag des e-Moll-getön­ten Anfang­steils und die Hirten­melodik der Soloflöte lassen an eine ländliche Idylle denken. Der aus­gedehnte Mit­tel­teil schlägt einen drama­tis­chen Ton an. Anges­tachelt von der Mil­itärtrom­mel, zeigt sich als­bald ein (an Beethovens Schick­salssym­phonie erin­nern­des) Auf­tak­t­mo­tiv, das die anges­pan­nte Kon­flik­t­zone beherrscht, wiewohl immer wieder „Inseln der Seli­gen“ auf­tauchen. Im Schluss-Andante erhebt sich ein ver­i­ta­bles Vogelkonz­ert, an die „Stim­men des Lebens“ in der Stre­ich­ersin­fonie Bal­sis erin­nernd. Vogel­laute bedeuteten dem Let­ten zu Sow­jet­zeit­en Schöp­fungslob und unbe­hin­derte Reise­frei­heit. Daran wäre zu denken, wenn am Ende die Alt­flöte ihr Lebe­wohl ins verdäm­mernde Abendlicht zeich­net.
Unzweifel­haft lag dem Kom­pon­is­ten hier die Weite und Schw­er­mut der baltischen und finnis­chen Land­schaft im Sinn – ein Lebens­ge­fühl, das dem Sym­phonieorch­ester der kurländis­chen Hafen­stadt Lie­paja und seinem Chefdiri­gen­ten Atvars Lak­sti­gala hör­bar nahege­ht. Es ist das älteste noch tätige Beruf­sor­ch­ester des Baltikums, seit 2010 von Staats wegen unter­stützt und nicht nur im Ost­seer­aum, son­dern auch im übri­gen Europa und sog­ar in Asien mit viel Zus­pruch unter­wegs.
Für Michael Faust, den Soloflötis­ten des auf­traggeben­den WDR Sin­fonieorch­esters Köln, stellt das 2007/08 kom­ponierte und 2011 rev­i­dierte Flötenkonz­ert im burlesken Mit­tel­satz hochvir­tu­ose Auf­gaben: ein aus­ge­lassenes Per­petu­um mobile, das die Soloflöte bald tänzel­nd, bald iro­nisch gestikulierend und beständig tak­twech­sel­nd durcheilt, bis die wilde Jagd in ein­er auss­chweifend­en Solokadenz zum Still­stand kommt. Wobei die Let­tin Dita Kren­berga dem Kom­pon­is­ten keinen Terzen­triller, keine Caprice, keinen Tripelzun­gen­schlag schuldig bleibt, bevor ihr im finalen Atti­mo strepi­toso par­ti­turgemäß die Puste aus­ge­ht. Mit ein­er Flat­terzun­gen Rakete hebt sie am Werk­ende (Cantabile 2) ins Sur­reale ab.
Lutz Lesle