Jacques Ibert

Flute Concerto/ Escales/ Symphonie Marine/ Suite Symphonique/ Louisville-Concert

Helen Dabringhaus (Flöte), Brandenburger Symphoniker, Ltg. Peter Gülke

Rubrik: CDs
Verlag/Label: MDG 901 2185-6
erschienen in: das Orchester 09/2021 , Seite 85

Nach den Ein­spielun­gen von Brahms’ 1. Klavierkonz­ert und Schu­berts „Großer“ C‑Dur-Sym­phonie mag die Pro­gram­mentschei­dung für die Auf­nah­men vom Jan­u­ar 2020 über­raschen. Zugle­ich wirken diese zwis­chen den Reper­toire-Erweiterun­gen der Bran­den­burg­er Sym­phoniker mit Gerd Natschin­skis Musi­cal Mein Fre­und Bun­bury und den spon­ta­nen Coro­na-Pro­duk­tio­nen von Tele­manns Pimpinone und Mozarts Bastien und Basti­enne wie ein weit­er­er sys­tem­a­tis­ch­er Vorstoß zu Neuem.
Diese CD macht nicht nur deshalb große Freude, weil die so unbeschw­ert und weniger pro­voka­tiv als heit­er zwis­chen den Zeit­en ste­hende Musik des „mod­er­nen“ Jacques Ibert sig­nifikant ist für die Clarté jen­er Sphären der franzö­sis­chen Kul­tur, die sich von Wag­nérisme und Sym­bol­is­mus in bewusstem Abstand hiel­ten. Mehr als ein­mal denkt man bei der von Peter Gülke mit tat­säch­lich lock­er­er und nicht nur kalkuliert leichter Hand geleit­eten Werken an das fil­igrane Kolorit der Sin­fonis­chen Dich­tun­gen von Camille Saint-Saëns oder der Operetten Rey­nal­do Hahns und des späten André Mes­sager. Wohl auch deshalb, weil die Bran­den­burg­er Sym­phoniker sich nicht um Imi­ta­tio­nen des Klangs ihrer franzö­sis­chen Orch­esterkol­le­gen küm­mern und ihrer bestens überzeu­gen­den Vorstel­lung von Leichtigkeit ver­trauen. So hört man in Iberts die Lauf­stege und Trot­toirs von Paris ans­teuern­der Suite Sym­phonique anstelle von Smog und anderen urba­nen Aromen die auf­frischende Brise eines Früh­lings- oder Spät­som­mertags. Wenn Ibert ein­mal doch mit fröh­lich­er Aufgeweck­theit zu nahe an Instru­men­talmis­chun­gen der deutschen Roman­tik kom­men sollte, nehmen das die Musik­er ein­fach nicht zur Kenntnis.
Etwas weniger leicht, aber noch immer duftig und fließend gelingt das Con­cer­to pour flute et orchestre. Helen Dabring­haus besitzt nicht den Ehrgeiz, ständig mit Vol­u­men ihr Instru­ment in Führung zu brin­gen und hat genau das erforder­liche Stil­ge­fühl. Es gibt nur wenige CDs mit anspruchsvoller Klas­sik, die man ohne die Kom­pon­is­ten zu kränken oder die Kon­ver­sa­tion zu beschw­eren während eines gesel­li­gen Aben­dessens aufle­gen kann. Dieses Ibert-Pro­gramm wäre eine von ihnen.
Schön ist überdies, dass die Stücke nicht in der Rei­he ihres Entste­hens ange­ord­net sind. So wird ein­er­seits deut­lich, dass Iberts ästhetis­che Posi­tion­ierung schon in Nähe der Gruppe Les Six und später in seinen Reife­jahren angesichts der drastis­chen Zäsuren des 20. Jahrhun­derts erstaunlich kon­tinuier­lich war. Ander­er­seits wirkt diese Ver­haf­tung in der Tonal­ität ohne Ver­bis­senheit ein­fach beglückend.
Daran haben die Bran­den­burg­er Sym­phoniker einen beträchtlichen Anteil, weil sie Gülke ver­trauen und dieser – nur ungeschickt kaschiert durch die Sach­lichkeit seines Book­let-Auf­satzes – eine große Begeis­terung für die im besten Sinne eklek­tizis­tis­che Musik hat, die sich mit ein­er solchen Lesart für Bal­let­tkom­panien bestens als Alter­na­tive zu Délibes’ Cop­pélia empfehlen ließe. Auch das Louisville-Con­cert, die Sym­phonie Marine und Escales gelin­gen mit ver­gle­ich­bar hoher Qualität.
Roland Dippel